Seite:Therese Stählin - Meine Seele erhebet den Herrn.pdf/13

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
An die Mutter.
Doferhof, den 17. April 1854

 Liebe Mutter, ...gestern fuhren wir nach Neuburg in die Kirche, wo Herr S. recht schön predigte. Nach Tisch gingen wir fünf Mädchen auf die Wiese hinaus, lasen da einige schöne geistliche Lieder und eine Predigt, die ich mitgenommen hatte. Dann gingen wir wieder ins Haus, woselbst Herr Hauser eine Predigt von Löhe las. Gegen Abend gingen wir zur „Eiche“. Das ist eine schöne Anhöhe, wo man eine herrliche Aussicht genießt. Auf dem Rückweg nahmen wir Immergrün mit und wanden davon einen Kranz. Am Abend waren wir recht lustig. Jedesmal vor Schlafengehen spielt Jakobine auf dem Klavier wunderschöne Lieder, zu welchen alle Schwestern singen. Überhaupt höre ich hier immerfort singen, so daß es mir fast wehe tut, wenn ich nicht in diesen schönen Gesang meiner lieben Freundinnen einstimmen kann.

 Herzliche Grüße an alle! Indem ich Ihnen recht herzlich danke für die große Freude, die Sie mir durch die Erlaubnis, hier einige Tage zubringen zu dürfen, gemacht haben, bleibe ich

Ihre dankbare Therese.


An die Eltern.
Augsburg, den 7. Mai 1854

 Geliebte Eltern, soeben komme ich ganz glücklich und selig von einer herrlichen Bibelstunde, die ich heute zum zweiten Male besuchen durfte. So bin ich denn entschädigt für den Verlust des Konfirmandenunterrichts. Auch die Stunden am Dienstag darf ich noch besuchen. Herr Kirchenrat sagte letzthin: „O, meinetwegen kannst Du kommen bis an mein seliges End’!“

 ...Letzthin wurde ich hoch erfreut durch ein Geschenk von Herrn Pfarrer Laible, nämlich durch eine französische Bibel. Ich werde recht fleißig darin lesen, denn ich kann dadurch einen doppelten Zweck erreichen: 1. in der Bibel recht bekannt zu werden und 2. im Französischen weiter zu kommen.

 Jetzt sticke ich ein Lesepult für Herrn Kirchenrat. Die Stickerei ist recht schön; nur ist es mir gar nicht recht, daß nimmer viel daran zu tun ist. Doch kann ich dann bald wieder zu etwas anderem kommen, da im Grunde doch nicht viel dabei zu lernen ist...

Ihre dankbare Therese.


Empfohlene Zitierweise:
Therese Stählin: Meine Seele erhebet den Herrn. Verlag der Diakonissenanstalt, Neuendettelsau 1957, Seite 11. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Therese_St%C3%A4hlin_-_Meine_Seele_erhebet_den_Herrn.pdf/13&oldid=2917145 (Version vom 17.10.2016)