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mir mehr Freundin als Schülerin[1] und die Mutter – ich teile Dir vielleicht einmal Briefe von ihr mit, damit Du sie kennen lernst. Es ist etwas ganz Eigenes, wie schnell man mit solchen bekannt wird, die so unverkennbar auch dem Einen nachjagen, nach dem unsere ganze Seele sich sehnt.

 In diesem Semester haben wir ausnehmend wenig Schülerinnen. Ich kann dann umso treuer meine Pflicht an den Einzelnen tun. ...Denke Dir, Käthe Hommel ist noch immer krank – seit dem Dezember vorigen Jahres. Das ist nach unserem natürlichen Ermessen sehr traurig; aber es muß auch gut sein.... Da wir noch immer keine Sträflinge haben, macht Elise Steinlein alle Branchen durch; bis jetzt war sie Substitutin der Käthe, nun ist sie Gehilfin in der Küche. Sie ist ein unvergleichliches Wesen, den ganzen Tag voll Humor, der Liebling von uns allen.

 In unserm letzten Armenverein ist der Beschluß gefaßt worden, es soll fortan recht gründliche Fürsorge für die „Streuner“, wie sich Herr Pfarrer ausdrückte, für die bettelnden Handwerksburschen getroffen werden. Herr Pfarrer nimmt alle, die herkommen, in genaues Verhör. Das hat er schon bis jetzt getan. Dann aber werden sie in ein vom Armenverein gemietetes Zimmer, das bereits mit Betten versehen ist, herausgeschickt. Einer unserer Krankenpfleger bereitet ein Bad. Sie bekommen frische Wäsche und, wenn nötig, ein Kleidungsstück. Mich freut die Sache ganz königlich. Die Kerle sollen einmal in ihrem Leben sehen, wie wohl Liebe und Barmherzigkeit tut. – Nun behüt Dich Gott, meine liebste Mutter.

Deine dankbare Tochter.


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 26. Mai 1863

 Liebste Mutter, es ist jetzt Pfingstmontagabend. Ich hätte gerne gewollt, daß Du unsere Briefe heute gehabt hättest. Der erste Anfang war schon am Freitagabend gemacht worden. Dazwischen lagen aber Pfingstrüstungen etc. Sechs Maien und viele, viele Blumen zieren unseren Betsaal, von dem man sich in den Tagen kaum trennen kann. Aber beinahe wäre uns


  1. Korr.-Bl. 1913 Nr. 1/2.
Empfohlene Zitierweise:
Therese Stählin: Meine Seele erhebet den Herrn. Verlag der Diakonissenanstalt, Neuendettelsau 1957, Seite 133. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Therese_St%C3%A4hlin_-_Meine_Seele_erhebet_den_Herrn.pdf/135&oldid=2951072 (Version vom 10.11.2016)