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An die Mutter.
Neuendettelsau, Ende Mai 1864

 Meine liebste Mutter, ...heute ist Pfingstsonntagabend. So ein schöner Tag war, meine ich, lange nicht. Die wunderbare Schönheit der Natur schien ordentlich den geistlichen Segen sinnbilden zu sollen, der für uns bereitet war. Eine Menge Festgäste waren wieder von nah und fern herzugeströmt (unter anderem redete mich auch eine Westheimerin an). Am Abend waren wir noch lange im Freien, und es bewegte mich ganz eigen, als vom Dorfe herauf der laute Gesang der Missionsschule tönte und zu gleicher Zeit unsere Schwestern und Schülerinnen am Garten entlang ein Lied nach dem anderen anstimmten. ...Unserm teuern Herrn Pfarrer geht es sehr wohl. Jetzt ist es gerade ein Jahr, seit wir den Schrecken hatten; aber Frau Oberin war zweimal sehr unwohl. Sie hat, sagt der Doktor, eine zu große Lunge. Das wirkt aufs Herz, daß das Atmen fast immer recht schwer geht und heftige asthmatische Anfälle von Zeit zu Zeit wiederkehren können. Unsere Schwestern sind auch vielfach unwohl. Herr Pfarrer meinte gestern, da sei ich doch immer noch die Heldin. „Gott b’hüts“, setzte er dazu. ...Unser Haus trägt seit einiger Zeit einen eigentümlichen Charakter durch die Anziehungskraft, die es auf die adelige Welt ausübt. Gleich ein ganzer Tisch voll Adeliger setzt sich mittags nieder, z. T. unglücklicher Adel. ...Frau Gräfin Giech[1] in Thurnau hat ihre zwei Töchter hier konfirmieren lassen und dann alle drei, eine dritte Kleine mit, in unsere Schulen getan. Wir freuen uns von Herzen der liebenswürdigen Mädchen, von denen besonders die kleine Zehnjährige einen Ernst und Eifer fürs Gute zeigt, einen Kampf wider die Sünde, daß Herr Pfarrer selbst sich über diesen Maiensonnenschein mit Freuden ausspricht. ...Morgen reist Herr Pfarrer mit Frau Oberin nach Regensburg, um dort zu visitieren. Auch nach Nürnberg und Fürth gehen sie zu den Schwestern. Da sind wir eine Woche lang Waisen, allein mit dem „Stiefvater“, Herrn Konrektor. Herr Pfarrer hält jetzt jeden Montagabend mit uns Diakonissen Kapitel und zwar in seinem Hause. Das ist recht schön. Ich hoffe, daß Marie auch bald mit hinein darf. Es ist schon


  1. Korr.-Bl. 1911, Nr. 6/7, S. 22.
Empfohlene Zitierweise:
Therese Stählin: Meine Seele erhebet den Herrn. Verlag der Diakonissenanstalt, Neuendettelsau 1957, Seite 140. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Therese_St%C3%A4hlin_-_Meine_Seele_erhebet_den_Herrn.pdf/142&oldid=2951056 (Version vom 10.11.2016)