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unseren Kranken, Blöden und Zöglingen Gottesdienst, während natürlich alle, die nicht durch Hausordnung gebunden sind, ins Dorf strömen und da die Gottesdienste feiern, die eben doch von ganz anderem Geist beherrscht werden als die unsrigen. Es ist alles ganz anders geworden bei uns. Mir ist zumute, denke ich, wie den Israeliten beim zweiten Tempelbau! ...Heut ist Mariannes Geburtstag. Sie ist auch 25 Jahre alt. Gestern abend durfte ich einen Augenblick in ihr Krankenzimmer.... Wir machen zu Weihnachten eine Armenbescherung in unserm Schulzimmer. Herr Korhammer schickte mir gestern 20 Gulden von Frau F. zu einer Weihnachtsbescherung irgendeiner Anstalt...

 Nun behüte Dich Gott, liebste Mutter.

Deine Theresia.


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 29. Dezember 1864

 Liebste Mutter, ...ich bin bei dieser grausigen Kälte auch in ein Stüblein gezogen. Das denke nur ja nicht, liebste Mutter, daß ich in meinem Beruf weniger glücklich bin als sonst. Noch blühen die Rosen und geben ihren Duft, aber ich muß doch auch die Dornen des Lebens spüren. Mit 25 Jahren darf man ja freilich kein Kind mehr sein, das das Leben für einen Weihnachtsbaum hält, von dem man sich alle Tage sein Zuckerstückchen nimmt. Drum laß mich nur immer mein Herz gegen Dich ausschütten, auch dann, wenn’s voll schweren Ernstes ist; aber Du darfst immer dabei denken, daß ich nicht unglücklich bin. Das wäre furchtbarer Undank, wenn ich nicht glücklich wäre. An meinem Geburtstag erinnerte mich Herr Pfarrer an die große Gnade, daß ich schon so manche Zeit nun dienen darf, und forderte mich auf, meinen Lebensgang mit dem seiner Tochter zu vergleichen, die zwei Tage älter ist als ich... Bitte Du auch, daß uns für unsere Elise zehn andere gegeben werden, auch wie sie.

 ...Dir, liebste Mutter, bringe das Jahr 1865 viel Herzensfreude über Deiner Kinder Wohlergehen. Gott zahle Dir alles heim, was Du an uns getan hast. Das wußte ich noch nicht, daß ich unter der Kinderlehre geboren bin.

Deine gehorsame Tochter Theresia.


Empfohlene Zitierweise:
Therese Stählin: Meine Seele erhebet den Herrn. Verlag der Diakonissenanstalt, Neuendettelsau 1957, Seite 145. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Therese_St%C3%A4hlin_-_Meine_Seele_erhebet_den_Herrn.pdf/147&oldid=2950999 (Version vom 10.11.2016)