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verhält sich nämlich so: ein neuer, großartiger Plan ist, daß alle armen Kranken des Distrikts Heilsbronn hier Aufnahme finden sollen in unserem ehemaligen Blödenhaus, das nun Hospital wird. Diese Kranken sollen gratis verpflegt werden, dafür aber dürfen zweimal jährlich zwei Diakonissen in allen 137 Ortschaften betteln. Es werden da verschiedene Schwestern an die Reihe kommen. Amalie und ich werden vielleicht in vierzehn Tagen nach Heilsbronn gehen und in die umliegenden Dörfer. ...Babette Dieterich ist auf dringendes Bitten von ihrer Seite von ihrem Lehrberuf dispensiert worden und soll nun das Hospital leiten. Schon sind fünf solche Kranke uns gebracht worden... Doris – das weißt Du, glaub ich, schon – regiert jetzt das neue große Blödenhaus.

 Adieu, liebste Mutter!

Deine Theresia.


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 2. April 1865

 Meine liebste Mutter, ich habe sehr unruhvolle Ferien gehabt. Zweimal bin ich auf dem Terminieren gewesen. Davon schrieb ich Dir ja das letztemal. Es ist uns ganz gut gegangen, viel zu gut. Man hat uns geehrt und gepflegt, wie sonst Bettlerinnen nicht. Das heißt, wir mußten eben in Kloster beim Landrichter Absteigquartier halten. –

 Und denk Dir nur, vorgestern bin ich zum erstenmal Patin geworden! Bei wem? – Bei Herrn Konrektor, der nun also mein Herr Gevatter ist. Marianne und Gräfin Anna von Giech sind auch Paten. Ich hab fast ein wenig gezittert, als ich das Kindlein über den Taufstein hielt. Ich bin recht glücklich darüber. Marianne konnte natürlich nicht dabei sein. Herr Pfarrer hat Anna und mir eine kurze Rede am Taufstein gehalten, daß wir Engelsdienst tun dürfen, wie die Engel Menschendienste tun. Geschenke kann freilich eine arme Diakonissin nicht machen. Das hat sich auch Herr Konrektor gleich verbeten, als er mich zu meiner höchsten Überraschung zu Gevatter genommen hat. Es ist ein gar nettes Kindlein, das mich bei der Taufe mit seinen hellen Äuglein gar verwundert angeschaut hat. Herzliche Grüße

Deine Theresia.


Empfohlene Zitierweise:
Therese Stählin: Meine Seele erhebet den Herrn. Verlag der Diakonissenanstalt, Neuendettelsau 1957, Seite 149. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Therese_St%C3%A4hlin_-_Meine_Seele_erhebet_den_Herrn.pdf/151&oldid=2950986 (Version vom 10.11.2016)