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 Wie ist es denn mit meinem Bleiben oder Nichtbleiben im Institut? Ich denke freilich mit Schrecken daran, oder mag eigentlich gar nicht daran denken, dasselbe Ostern schon, wenigstens teilweise, zu verlassen. Nur die französischen Stunden noch zu nehmen, will mir gar nicht einleuchten, da ich in andern Gegenständen eine längere Ausbildung ebenso nötig habe. Und wenn ich Geographie- und Geschichtsstunde noch nehme, so darf ich ehrenhalber auch die Religionsstunden nicht bei Seite setzen, und damit wäre dann, meiner Meinung nach, nicht so außerordentlich viel gewonnen. Vielleicht bietet sich später einmal noch eine Gelegenheit, das Kleidermachen zu lernen, das ich allerdings sehr gerne lernen möchte. Natürlich ist mir alles recht, was Sie über mich bestimmen. Nur meine ich, wenn ich mich einmal dem Berufe widmen soll, zu dem mich mein Herz treibt und in welchem ich einmal glücklich zu sein hoffe, dann wäre ein Sommersemester keine zu große Dreingabe.

 Doch wie gesagt, ich überlasse es ganz Ihrer elterlichen Entscheidung und bleibe in dankbarer Liebe

Ihre Therese.


An die Mutter.
Augsburg, den 18. März 1855

 Teuerste Mutter, ich bin soeben ganz allein mit den Kleinen zu Hause, da Ida diesen Nachmittag in die Kirche gegangen ist, und diese trauliche Stille will ich dazu verwenden, meine Gedanken, die ja in diesen Tagen immer bei Ihnen, beste Mutter, weilen, auszusprechen.

 Ach, welch ganz andere Gefühle als heuer erfüllten mein Herz im vorigen Jahre beim Herannahen des Palmsonntags: Freude, nichts als Freude sah ich vor mir, wenn ich an diesen Tag dachte, und jetzt! Ach, alles hat sich anders in einer Familie gestaltet, die ihr Haupt verloren hat! Doch der Tod unserer Lieben ist ja eigentlich kein Scheiden, sondern nur ein Vorangehen in die bessere Welt, und gewiß: je mehr teure Seelen man im Himmel weiß, desto stärker wird die Sehnsucht, desto heißer das Verlangen, ihnen bald, recht bald folgen zu dürfen. Dieser Trost allein kann den schmerzlichen Gedanken versüßen, daß uns mit dem Elternhaus auch der Sammelplatz entzogen ist...

Ihre Sie dankbar liebende Therese.


Empfohlene Zitierweise:
Therese Stählin: Meine Seele erhebet den Herrn. Verlag der Diakonissenanstalt, Neuendettelsau 1957, Seite 14. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Therese_St%C3%A4hlin_-_Meine_Seele_erhebet_den_Herrn.pdf/16&oldid=2917166 (Version vom 17.10.2016)