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ich ja hoffen darf, daß die Stimmung, in der er geschrieben, keine andauernde, sondern schnell vorübergehende war. Ich glaube auch, daß ich nicht geschickt bin zu trösten. Kinder verstehen das Trösten nicht. „Wie einen seine Mutter tröstet“, sagt die Schrift und eignet also das rechte und wirksame Trösten den Müttern zu, die müssen’s verstehen. Dennoch wünschte ich mir – o wie sehr wünschte ich das! – ich könnte immer zu Dir eilen, wenn der Sorgengeist Dich erfassen will, und könnte Dich die Sonne sehen lassen, die dennoch helle scheint, auch wenn der Sorgennebel Dir den Blick auf sie trübt. ...Ach, wenn Dir gegeben würde, meine liebste Mutter, alle Deine Sorgen in Gebete zu verwandeln, die sich dann von Dir und Deiner Seele loslösen und in das himmlische Heiligtum eindringen!

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 Ich möchte Dir gerne heute noch einiges erzählen, was Dich gewiß auch erfreuen wird. Vorige Woche war Herr Pfarrer in München, weil man ihn sehr gebeten hat, doch einmal hinzugehen, weil ein Kreis von Freunden gerne Dettelsauer Diakonissen zur Krankenpflege dort haben möchte. Es soll wirklich demnächst eine Station dort errichtet werden. Auch die Herren Geistlichen sind ganz mit einverstanden. Herr Pfarrer hat um Audienz bei der Königin gebeten, die ihn schon länger gern hätte kennenlernen. Es war uns allen sehr interessant, von dieser Audienz – mehr durch Frau Oberin als durch Herrn Pfarrer selbst – etwas zu hören. Die Königin, ganz in Weiß gekleidet, sei äußerst huldvoll gewesen, habe über alles mögliche – anstaltliche und pastorale Angelegenheiten – gesprochen und ganz bestimmt gesagt, sie wolle nächsten Sommer nach Dettelsau kommen. Jede Schwester wolle sie extra gegrüßt haben. Herr Pfarrer sagte von ihr, sie sei ihm als eine demütige, nach Gott verlangende Seele erschienen. Das hat mir besonders gut gefallen. Beim Weggehen hat sie zu Herrn Pfarrer gesagt: „Nicht wahr, Sie beten für mich? Und auch für den König? Und“ – ein wenig schüchtern habe sie dazugesetzt – „auch für die Braut?“[1]


  1. Königin Marie, eine preußische Prinzessin, war die Witwe des 1864 verstorbenen Königs Maximilian II. und die Mutter des regierenden unvermählten Königs Ludwig II., der damals verlobt war.
Empfohlene Zitierweise:
Therese Stählin: Meine Seele erhebet den Herrn. Verlag der Diakonissenanstalt, Neuendettelsau 1957, Seite 162. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Therese_St%C3%A4hlin_-_Meine_Seele_erhebet_den_Herrn.pdf/164&oldid=2951044 (Version vom 10.11.2016)