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 Denk nur, neulich war in Kloster Heilsbronn eine Somnambule, die, wenn sie in ihren eigentümlichen Krampf fiel und ganz starr und leblos dalag, mit lauter Stimme von der Wiederkunft des Herrn redete und die Leute zur Buße ermahnte. Sie wurde wie eine Prophetin angestaunt und angehört, so daß sich unser Herr Vikar veranlaßt fühlte, wenigstens den Leuten der hiesigen Gemeinde auf den Standpunkt geistlicher Nüchternheit zu verhelfen und in einer Predigt über den Somnambulismus und seinen Unterschied von Prophetie zu belehren. Es ist ein schlesisches Bauernmädchen, das seit zwei Jahren einen unwiderstehlichen Drang hat, umherzureisen und den Leuten Buße zu predigen. Was sie sagt, gibt nicht etwa ein neues Licht über das göttliche Wort, ist aber auch nicht schriftwidrig. Jetzt ist sie zu Pfarrer Clöter nach Illenschwang gegangen, der die Leute zur Auswanderung in das asiatische Rußland animieren will, weil die Zukunft des Herrn unmittelbar bevorstehe.

 Doris war neulich mit Frau Domina von Veltheim in Ammergau beim Passionsspiel. Sie kam sehr ernüchtert zurück!...

Deine Therese.


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 6. Juni 1867

 Meine liebe Mutter, herzlichen Dank für Deinen lieben Brief. Du mußt Dich nicht entschuldigen, wenn Du von äußeren Dingen zu schreiben hast. Ich bin keineswegs so ätherisch, daß ich nicht in alle Not und alles Ungemach des Lebens, das mich umgibt, hineinsteigen könnte. Wenn Du mich manchmal sähest in meinem Tun und hörtest in meinen Reden, Du würdest es schon merken, daß mir die äußeren, nur praktischen Dinge nicht einmal mehr eine Last sind. Es gehört ja dies zu diesem irdischen Leben. Einmal wird’s anders – und Schmutz und Staub und Not des Lebens hört auf.

 ...Das eben dünkt mich das Grundverkehrte an dem Scherersbuch, dies verzweiflungsvolle Ringen der Blinden nach einer Selbständigkeit, die Gott nicht einmal bei sehenden Menschen duldet, geschweige sie von Blinden ertrotzen läßt, die Er durch Seine Führung in die Abhängigkeit gesetzt hat

Empfohlene Zitierweise:
Therese Stählin: Meine Seele erhebet den Herrn. Verlag der Diakonissenanstalt, Neuendettelsau 1957, Seite 164. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Therese_St%C3%A4hlin_-_Meine_Seele_erhebet_den_Herrn.pdf/166&oldid=2951070 (Version vom 10.11.2016)