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mehr als andere Menschen. – Ich für meine Person bin froh, daß ich das Buch gelesen. Ich meine, ich hätte etwas daraus gelernt, besonders auch das, daß doch wir Sehenden uns oft nicht genug in die Blinden hineindenken. Es ist wahr, Blinde müssen mit zartester Aufmerksamkeit behandelt werden, und seit ich mehr darauf achte, tut mir manches für Julie weher als sonst. Am Himmelfahrtstage gingen wir miteinander spazieren. Herr X. begegnete uns, grüßte und sagte dann zu mir sehr freundlich: „So, führen Sie Ihre Schwester spazieren?“ Julie war höchst aufgebracht über diesen Ausdruck: „Führen Sie etc.“ Hundertmal begegnen solche Kleinigkeiten, die vermieden werden könnten. Doch nun genug davon. Gottes Wort sagt: „Du sollst dem Blinden keinen Anstoß in den Weg legen.“ Ich meine, man könnte darin die ganze Weisung für eine zarte Rücksicht Blinden gegenüber lesen. Ich will mir’s gewiß auch merken, denn ich habe oft an allerlei nicht gedacht.

 Herr Pfarrer ist einen Tag nach seiner Rückkehr von Polsingen wieder krank geworden und ist noch jetzt nicht wieder in Tätigkeit. In Polsingen hat er alles sehr hoffnungsvoll gefunden. Er konnte bei seiner Erkrankung nichts lesen und schreiben, seine Augen taten ihren Dienst nicht. Es geht wohl wieder etwas besser.

 Denke nur, Prinzessin Elise ist Braut mit einem sehr frommen Fürsten Salm[1]. Sie wollen sich miteinander verbinden, um Werke der Barmherzigkeit zu üben, namentlich um arme irrende Seelen aus ihrem Stande wieder zurückzubringen auf den rechten Weg. Die ganze Sache ist hier vor sich gegangen und war uns natürlich höchst interessant, weil alles so außergewöhnlich ist, so gar nicht nach dem Sinn dieser Welt.

 In herzlicher, dankbarer Liebe

Deine Theresia.


An ihre Schwester Marie.
Neuendettelsau, Juli 1866?

 Liebe Marie, da stehe ich und will dichten und habe angefangen; aber es findet keinen rechten Fortgang. Poetisch


  1. Korr.-Bl. 1920, Nr. 6/7.
Empfohlene Zitierweise:
Therese Stählin: Meine Seele erhebet den Herrn. Verlag der Diakonissenanstalt, Neuendettelsau 1957, Seite 165. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Therese_St%C3%A4hlin_-_Meine_Seele_erhebet_den_Herrn.pdf/167&oldid=2951074 (Version vom 10.11.2016)