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An die Mutter.
Augsburg, den 13. Juni 1855

 Teure Mutter, ...ach, wie schön muß jetzt der Garten sein! Wie gerne möchte ich die Morgen- und Abendstündchen darin zubringen! Es geht einem ordentlich das Herz auf, wenn man in der jetzigen Jahreszeit in der freien Natur herumstreifen kann. Das habe ich neulich empfunden, als Herr Korhammer so freundlich war, mich zu einer Tagespartie einzuladen, die am Fronleichnamstag ausgeführt wurde. Wir waren schon um 3/46 Uhr auf den Beinen und gingen nach dem drei Stunden von hier entfernten Diedorf, wo wir den ganzen Tag sehr vergnügt zubrachten. Und der Heimweg, ach, der reizende Heimweg! Es kann gar keine schöneren Wälder geben als die, durch welche wir da gekommen sind. Ich hatte einen Strauß gepflückt, den ich fast nicht umfassen konnte. Bei solchen Partien will mich vorher immer die Zeit reuen, aber das ist wirklich dumm, denn man arbeitet nach einer solchen Unterbrechung wieder zehnmal leichter.

 Ach! der Gedanke, daß ich schon nach anderthalb Monaten das Institut verlassen soll, wird mir immer schwerer. Nur ein Vierteljahr wenn mir noch drein gegeben würde! Hätte ich doch die Zeit besser benützt!...

Ihre dankbare Therese.


An die Mutter.
Augsburg, den 1. Juli 1855

 Inniggeliebte Mutter, ich komme soeben von unserm Gärtchen, wo ich ein recht vergnügtes Stündchen zugebracht habe, indem ich nämlich in meiner englischen Bibel las, mit der mich neulich Herr Korhammer beglückte und die, in schön gepreßtes Leder gebunden und mit Goldschnitt verziert, fast die schönste Zierde meiner kleinen Bibliothek macht.

 ...Unser Examen ist heuer am 13. August (in sechs Wochen). Wie will ich diese wenigen Wochen noch benützen, um so viel als möglich noch von dem Unterricht im Institut zu profitieren! Ich fühle mich glücklich in dem Gedanken, einmal, und zwar recht bald, meinen eigenen Unterhalt verdienen zu können und dadurch einen Teil Ihrer Sorgen hinwegzunehmen. Freilich will es mir manchmal bitter scheinen, der Aussicht,

Empfohlene Zitierweise:
Therese Stählin: Meine Seele erhebet den Herrn. Verlag der Diakonissenanstalt, Neuendettelsau 1957, Seite 15. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Therese_St%C3%A4hlin_-_Meine_Seele_erhebet_den_Herrn.pdf/17&oldid=2917141 (Version vom 17.10.2016)