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Jahr: daß Du einige Tage hieher kämest. Du wohnst dann in meinem kleinen Stüblein und ich leg mich auf den Schlafboden, und Du gehörst dann etliche Tage mir ganz allein. Ach, nicht wahr, daraus wird etwas! Ich freue mich schon, wenn ich nur daran denke.

 Bei unserm lieben, teuern Herrn Pfarrer macht sich das herannahende Alter zuweilen recht bemerkbar. Das macht mich sehr traurig. O es gibt nichts, gar nichts auf dieser Welt, was die Seele stille und wahrhaftig glücklich machen kann, als die Aussicht auf eine ewige Seligkeit. Gott sei Dank, ja tausendmal Dank, daß wir die haben!

 Ich weiß nicht, ob ich Dir schon geschrieben, daß wir in diesem Semester viele Schülerinnen haben, so viele wie seit Jahren nicht mehr. Es ist mir eine große, schöne Aufgabe zugewiesen. Aber schwierige Charaktere sind darunter. Ich glaube nicht, daß es unter dem männlichen Geschlecht solche Abnormitäten gibt wie unter dem weiblichen. Hast Du in Deinem langen Leben vielleicht die gleiche Bemerkung gemacht, oder meine ich das bloß?...

 Gegenwärtig stehe ich in einem sehr innig nahen Verhältnis zu Auguste Bandel[1], einer Cousine von Brauns, die hier die Sträflinge unter sich hat, welche der Staat hieher gebracht hat, und nebenbei englischen und französischen Unterricht erteilt. Ich habe noch nie jemand gehabt, der so wie sie mit mir auf das „inwendige Leben“ und die „geistlichen Übungen“ eingegangen ist, und ich achte ihren Umgang für ein besonderes Gnadengeschenk. Wir sprechen auch häufig englisch zusammen, und ich bin ganz vergnügt darüber, daß ich neulich bei einer Abteilung von Anfängerinnen den englischen Unterricht übernehmen durfte, denn ich liebe die englische Sprache sehr. – Gott behüte Dich nun, meine liebste, teuerste Mutter, und mache Dich bald wieder frisch und gesund und schenke Dir noch viel Freude und Wonne im armen Erdenleben. Heut abend werden die alten „Responsorien“ vom 3. Adventssonntage gesungen. Ich wollte nur, Du könntest sie hören. Das klingt immer ganz ins Herz hinein, wenn der Text des heutigen Evangeliums von den wunderbaren Tönen


  1. Korr.-Bl. 1910, Nr. 10, S. 38–40.
Empfohlene Zitierweise:
Therese Stählin: Meine Seele erhebet den Herrn. Verlag der Diakonissenanstalt, Neuendettelsau 1957, Seite 168. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Therese_St%C3%A4hlin_-_Meine_Seele_erhebet_den_Herrn.pdf/170&oldid=2951034 (Version vom 10.11.2016)