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völlig spurlos an mir vorübergegangen, daß ich nicht daran dachte, der Beruhigung wegen zu schreiben. Also jetzt will ich Dir einfach den Hergang erzählen. Ich erwähnte doch neulich schon die Frau Superintendentin Pehmüller, die sieben Jahre in Südafrika mit ihrem Mann zugebracht hat und dreizehn Jahre lang, jedes Mal zu winterlicher Zeit, melancholisch wurde. Diesmal wollte sie ihre schlimme Zeit hier verleben. Allein es kam diesmal keine Melancholie. Nach langen Jahren feierte sie wieder einmal ein seliges Weihnachtsfest, war aber am Fest und nachher ein wenig aufgeregt. Vom 29. Dezember an begann eine wirkliche Geisteskrankheit, die zuerst in einer Art von Verzückungen sich äußerte, wobei sie aber meist ganz klar redete, bis am Silvesterabend zu unser aller Schrecken die sonst so stille, fromme, ernste und ruhige Frau tobsüchtig wurde.

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 Das schrieb ich, denk ich, alles neulich schon. Sie wurde dann nicht mehr klar, redete, auch wenn sie ruhig wurde, lauter wirres Zeug, erkannte ihren Schwiegersohn, der herbeigeeilt war, nicht – und zu unser aller Verwunderung starb sie schon am 11. Januar. Es war dieser ungewöhnliche Fall ein rechter Weck- und Mahnruf an unsere Seelen. Die Leiche sollte nach Preußen geschafft werden. Das machte schrecklich viel Wirtschaft und Not. Am Abend des 13. Januar war es jedoch so weit, daß man sie weiterfahren konnte. Vorher wurde sie in unserem Leichenhaus ausgesegnet. Wir schmückten die Leiche und zündeten die Lichter an. Ich lief wohl sechsmal den Garten auf und ab. Als die Feier begann, war es noch nicht ganz finster, aber während wir da unten waren, brach die völlige Dunkelheit herein. Alles entfernte sich, nur etliche, die mit der Leiche noch beschäftigt waren, blieben. Mir fiel ein, daß ich noch zwei Fürbitten einzuschreiben hatte, ehe der Abendgottesdienst begann, und da wollte ich recht schnell in den Betsaal laufen, damit ich bald wieder bei der Leiche wäre. Als ich heraustrat und anfing zu laufen, dachte ich: „Um alles, so finster ist’s, und Herr Pfarrer hat keine Laterne“, aber indem ich das dachte, war ich schon bei dem untern Bassin angekommen, und weil ich eben an dieses gar nicht dachte, sondern nur geradean lief, stürzte ich mit kühnem Sprung ins Wasser. Einen Augenblick schwamm ich im Wasser,

Empfohlene Zitierweise:
Therese Stählin: Meine Seele erhebet den Herrn. Verlag der Diakonissenanstalt, Neuendettelsau 1957, Seite 175. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Therese_St%C3%A4hlin_-_Meine_Seele_erhebet_den_Herrn.pdf/177&oldid=2955137 (Version vom 20.11.2016)