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dann merkte ich, daß ich ganz wohl gründen und drin stehen konnte. Frau Oberin war nicht weit entfernt, sie hatte den Sturz gehört und mein Rufen und rief nun gleich unseren guten, treuen Bauwart herbei, der zum Glück noch im Leichenhaus war; der hob mich sanft heraus und trug mich heim. Ich war wohl zuerst recht erschrocken, doch erholte ich mich schnell, und geschadet hat es mir nicht ein bißchen. Erst einen Tag danach bemerkte ich, daß am Fuß die Haut ein wenig geschürft war. Gespürt hatte ich gar nichts. Daß ich Gott recht von Herzen dankbar bin, kannst Du Dir denken. Ich wäre damals schlecht zum Sterben bereitet gewesen. Sonst wäre ich ja von Herzen gerne gestorben. Ich will mich auch nun ernster bereiten, nachdem mir Gott diese Mahnung gegeben, daß ich plötzlich und unversehens könnte dahingerissen werden. Weißt Du, zum Ertrinken ist das Bassin gerade nicht, aber das kalte Bad, das eisigkalte, hätte doch gefährlich werden können. Es waren wieder die getreuen Engelshände, wie damals bei dem Kellersturz. Daß ich gleich wieder aufgestanden bin, ist natürlich. Ich werde mich doch nicht für nichts und wieder nichts ins Bett legen. Am andern Tag, liebe Mutter, habe ich Dein Weihnachtsgeschenk benützt und bin Dir jetzt erst recht dankbar dafür. Also nicht wahr, meine liebste Mutter, Du sorgst Dich jetzt nimmer und verzeihst mir auch, daß ich nicht gleich geschrieben. Hätte ich geahnt, daß Du Dich sorgst, hätte ich’s natürlich gleich getan. Herr Pfarrer meinte, ich müßte doch eine gute Natur haben, und wollte mich von jetzt an Mose nennen. Ich hab nur immer gesagt: Es ist gut, daß es weiter niemand war als ich. Ich kann so was vertragen, andere nicht. Daß nun das Bassin umzäunt wird (der frühere Zaun ist nämlich weggebrochen), versteht sich von selbst, und ich will auch das Meine dazu tun, daß es recht bald geschieht. Und daß wir ein andermal Laternen aufstecken, ist wiederum keine Frage. Und daß ich bei dunkler Nacht nicht mehr so zurenne, das versteht sich auch von selbst.

Gott sei nun für dieses Mal doppelt Lob und Dank gesagt, daß er die Unvorsichtigkeit so barmherziglich und gnädiglich gestraft hat...

Deine dankbare Therese.


Empfohlene Zitierweise:
Therese Stählin: Meine Seele erhebet den Herrn. Verlag der Diakonissenanstalt, Neuendettelsau 1957, Seite 176. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Therese_St%C3%A4hlin_-_Meine_Seele_erhebet_den_Herrn.pdf/178&oldid=2955142 (Version vom 20.11.2016)