Seite:Therese Stählin - Meine Seele erhebet den Herrn.pdf/179

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
An die Mutter.
Neuendettelsau, den 9. März 1869?

 Meine liebe, teure Mutter, ...Rechte Sorgen hatten wir diese Tage um unsere liebe Frau Oberin, die an ihrem Geburtstag Rotlauf bekam und außerdem einen sehr heftigen Anfall von Asthma hatte. Gestern hatte sie auch einen sehr schweren Tag. Doch sagte der Doktor, der Verlauf der Krankheit sei bis jetzt normal und nicht beängstigend. Wir sind schlimm daran: keinen Rektor in voller Kraft und eine kranke Frau Oberin. Doch freue ich mich manchmal so ganz im stillen, wie jetzt um so mehr Zusammenhalt und Zusammenschluß unter den Schwestern ist und alles sich bemüht, seine Sache bestmöglichst zu machen. ...Herr Pfarrer hat wirklich den Konfirmandenunterricht eröffnet, was uns eine rechte Herzensfreude war. Es geht ihm so leidlich, wenn auch freilich von einer zunehmenden Kräftigung nichts zu merken ist. Nach jenem Konfirmandenunterricht kam er zu mir her und fragte: „Meinst du nicht, ich könnte den ganzen Unterricht geben?“ Ich sagte: „Nein, das ginge doch nicht, wir danken aber Gott, daß Sie das können.“ Da antwortete er: „Ja, ich könnte auch wirklich nicht den vollen Unterricht geben.“ – Nächsten Montag, so Gott will, wird meine Schule geprüft. Herr Pfarrer will selbst dazu kommen. Da denk an mich, liebe Mutter, nachmittags von 3 bis 6 Uhr.

Deine dankbare Therese.


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 9. Juni 1869

 Meine liebe, teure Mutter, was mußt Du nur von mir denken, daß ich immer und immer stumm bleibe! Ich kann mich eigentlich gar nicht entschuldigen. Es ist halt ein Tag nach dem andern vergangen, und zuletzt sind’s so viele geworden... Ach, wir Diakonissen haben’s doch in vieler Beziehung so viel leichter. Ich kann’s nie anders finden, wenn ich die Stände vergleiche. Es ist aber alles ganz anders. Das, was man gewöhnlich beim Diakonissenberuf für schwer hält, das ist leicht, und an was man in der Regel nicht denkt, das ist schwer. Ich will mich jetzt nicht deutlicher ausdrücken. Aber danken will ich Gott und danken sollst auch Du, meine liebste Mutter, daß ich – bei meiner Anlage – eine Diakonissin und nichts anderes geworden bin.

Empfohlene Zitierweise:
Therese Stählin: Meine Seele erhebet den Herrn. Verlag der Diakonissenanstalt, Neuendettelsau 1957, Seite 177. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Therese_St%C3%A4hlin_-_Meine_Seele_erhebet_den_Herrn.pdf/179&oldid=2955145 (Version vom 20.11.2016)