Seite:Therese Stählin - Meine Seele erhebet den Herrn.pdf/185

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.

 Morgen will Herr Pfarrer zum erstenmal herauskommen – so Gott will. Gestern war Granvagl[1] da. Ich habe aber noch nichts Genaueres gehört, nur so viel, daß er Herrn Pfarrer das Ausgehen, aber noch nicht das Predigen erlaubt hat.

 Dieser Tage kommt Marielein von Polsingen. Ich freu mich diesmal so besonders darauf. –

 In inniger, dankbarer Liebe

Deine Therese.


An die Mutter.
Neuendettelsau, Januar 1870

 Liebste Mutter, „Wenig, aber von Herzen“, schreibe ich Dir noch geschwind diesen Abend, weil der Knecht morgen fährt. ...Marie war von Mittwochabend bis Montag hier. Es geht ihr gottlob besser, und munter und fröhlich ist sie ohnedies. Sie hat einmal im Pfarrhaus Kaffee getrunken, und Herr Pfarrer hat ihr eigenhändig serviert. Am Epiphanientag ist Herr Pfarrer wirklich herausgefahren. Es hat ihm auch nichts geschadet. Am Montag hat er auch wieder angefangen zu diktieren. Trotz allem kann ich aber, besonders zeitenweise, einer großen Bangigkeit nicht los werden. Der Herr wird’s ja wohl machen.

 Am Epiphanientag ist hier eine schöne Sitte: da kommen die Leute und opfern. Man bringt ins Pfarrhaus Geld, Getreide, Kartoffeln etc. zu wohltätigen Zwecken. An dem einzigen Tag neulich wurden über 200 fl. an Geld und Naturalien geschenkt...

Deine dankbare Therese.


An ihre Schwester Ida.
Neuendettelsau, den 12. Januar 1870

 Liebste Schwester, herzlichen Dank sage ich Dir und der lieben Mine für Eure Briefe und auch für die guten Sachen, die Du mir zum Geburtstag schicktest. Ja, ich bin jetzt schon sehr alt. Auguste Bandel schrieb mir aber neulich, 30 Jahre, das sei die reinste Ironie. „She never grows old“, meint sie. Seit ich vorigen Herbst mit Marie in Weiltingen war, ist mir die Zeit meiner Kindheit noch näher gerückt als sonst. Wie


  1. Granvagl war ein homöopathischer Arzt aus Nürnberg.
Empfohlene Zitierweise:
Therese Stählin: Meine Seele erhebet den Herrn. Verlag der Diakonissenanstalt, Neuendettelsau 1957, Seite 183. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Therese_St%C3%A4hlin_-_Meine_Seele_erhebet_den_Herrn.pdf/185&oldid=2955126 (Version vom 20.11.2016)