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mich um so fester an den Herrn anzuklammern in meiner großen Schwachheit.

 Ich fühle auch so mein Unvermögen den Schülerinnen gegenüber. Sonst durfte ich mich so als Handlangerin des Herrn Pfarrers ansehen, jetzt muß ich in meiner Schwachheit so allein arbeiten. Doch ich will ja nicht kleinmütig werden. Es geht ja auch besser. Ich kann nur so meiner Traurigkeit nicht recht Herr werden. – Neulich ließ Herr Pfarrer alle Lehrerinnen zu sich kommen und ordnete an, daß wir jetzt schon in den Schulen anfangen sollen nach den neuen Maßen und Gewichten zu rechnen. Jetzt mußt Du das auch noch erleben, daß man von lauter Metern etc. spricht. Mir ist’s aber ganz interessant.

 Heute hielt der Ausschuß des Distriktsrates seine Sitzung in Kloster, hauptsächlich um sich wegen des Fortbestandes unserer Spitäler zu beraten. Die fünf Probejahre nämlich, auf welche der Vertrag mit dem Terminieren lautete, sind nun vorüber, und es handelt sich nun um neue Übereinkunft. Wir sind sehr gespannt. Als mir Herr Pfarrer neulich aus einem eben eingelaufenen Schreiben mitteilte, daß der Distrikt gegen die Fortsetzung des Terminierens sei, mußte ich unwillkürlich – ich weiß nicht, warum – ein wenig lächeln. Das hat sich Herr Pfarrer so gut gemerkt, daß er’s in öffentlicher Konferenz erzählte und es als Beweis nahm, wie froh doch auch die Schwestern seien, dieser Last überhoben zu werden. Es war aber doch das eigentlich meines Herzens Meinung nicht...

 In herzlicher, dankbarer Liebe

Deine Therese.


An die Mutter.
Neuendettelsau, Quasimodogeniti 1870

 Meine liebste Mutter, ...Herr Pfarrer konnte heute die Kinder selbst konfirmieren, aber bloß konfirmieren mit Handauflegung. Auch die Konfirmandenbeichte hat er gestern und vorgestern selbst gehört und heut mit das Abendmahl ausgeteilt. Gott sei Lob und Dank. Granvagl sagt, es sei ein merkwürdiger Stillstand in der Krankheit eingetreten. Aber Marianne geht’s gar nicht gut. Sie soll wieder nach Karlsbad...

Deine dankbare Therese.


Empfohlene Zitierweise:
Therese Stählin: Meine Seele erhebet den Herrn. Verlag der Diakonissenanstalt, Neuendettelsau 1957, Seite 186. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Therese_St%C3%A4hlin_-_Meine_Seele_erhebet_den_Herrn.pdf/188&oldid=2955140 (Version vom 20.11.2016)