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An die Mutter.
Neuendettelsau, den 6. Mai 1870

 Meine liebe, teure Mutter, ...gestern hielt Herr Pfarrer in meiner Klasse selbst Visitation. So etwas ist jetzt immer eine besondere Freude. Nächsten Sonntag will er auch vielleicht selbst eine Kopulation halten, wenigstens die Braut in die Kirche führen. Es ist hier eine schöne Sitte, daß immer eine ledige Braut einen Myrtenkranz bekommt. Es besteht dafür eine Stiftung. Im Paramentenverein wird er gearbeitet, und Sara und ich dürfen ihn dann immer aufsetzen und eröffnen den Hochzeitszug...

Deine Therese.


An die Mutter.
Neuendettelsau, August 1870

 Meine liebe Mutter, ...von morgen an bin ich nicht mehr in Dettelsau, sondern wo? – in Ansbach; da pflege ich im Orangeriesaal verwundete Soldaten, unsere deutschen Brüder, die von französischen Waffen geschlagen wurden. Das ist Dir eine große Überraschung, nicht wahr? Aber ich bin sehr dankbar, daß ich so in der Nähe bleiben darf. Viele Schwestern sind auf dem Kriegsschauplatz selbst tätig. O, der entsetzliche Krieg! Bei uns ist große Bewegung: Telegramme und Posten bringen fast täglich was Neues. Bete für uns, insonderheit für Deine Tochter, die jetzt in eine ganz neue Sphäre eintritt.

Deine Therese.


An ihre Schwester Ida.
Neuendettelsau, den 5. September 1870

 Meine liebe Schwester, nun bin ich schon wieder in Dettelsau. In Ansbach, wohin uns der Bürgermeister berufen, haben wir drei Wochen auf Verwundete gewartet und sind endlich wieder heimgegangen. Es ist mir scheint’s nicht gegönnt, Verwundete zu pflegen, obwohl es doch übergenug gibt. Ob wir hieher welche bekommen, weiß man auch noch nicht. ...Ich bin erst gestern abend wieder heimgekommen. Man wird uns telegraphieren, wenn in Ansbach wirklich Verwundete sind. ...Es ist recht gut, wenn man auch dazwischen einmal ein wenig von hier fortgeht, dann ist man so froh, wenn man wieder heimkommen darf. Diesmal wäre ich aber

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Therese Stählin: Meine Seele erhebet den Herrn. Verlag der Diakonissenanstalt, Neuendettelsau 1957, Seite 187. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Therese_St%C3%A4hlin_-_Meine_Seele_erhebet_den_Herrn.pdf/189&oldid=2955152 (Version vom 20.11.2016)