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gerne länger geblieben, wenn nur das peinliche Warten nicht gewesen wäre...

 In herzlicher, treuer Liebe

Deine Therese.


An die Mutter.
1870

 Meine liebe Mutter, ...Herrn Pfarrer geht es nicht schlimmer. Granvagl sagte neulich, ein Jahr lang solle er nicht predigen, die Rektoratsgeschäfte könne er schon behalten. Natürlich muß er sehr geschont werden und wir müssen uns eben, so gut es geht, helfen.

 Ich danke Dir für Deine tröstlichen Worte. Ich habe bei allem Schmerz einen tiefinneren Frieden. Es ist etwas Wunderbares, daß eine gewisse Freude tief verborgen daneben liegt, wenn man alles wanken sieht. ...Heut hat sich mein ganzes Herz erquickt bei dem Leichenbegängnis eines sehr frommen Mannes der hiesigen Gemeinde. Grüber hieß er. Herr Pfarrer hat Herrn Vikar den schönen Lebenslauf diktiert, der da vorgelesen wurde. In dem kleinen Kirchlein auf dem Filial konnte man kaum schnaufen, geschweige sitzen, so war ein Gedränge.

 Herr Löhe war mehrere Tage hier. Ehe er heute fortging, kam noch ein Brief mit 200 fl. für Polsingen, die eine Frau in Segnitz der dortigen Blödenanstalt vermacht hat. Ich brachte sie im Triumph ins Pfarrhaus. Da meinte Herr Pfarrer, die Marie werde demnächst ganz schuldenfrei werden, eben die Anstalt dort. Es ist auch wirklich eine Freude, wie viel Barmherzigkeit doch in der Welt ist. Gerade als Marie neulich hier war, kam auch so mancherlei für Polsingen, daß sie sich ganz triumphierend in den Wagen setzte und sagte: „Siehe, ich bin zwei Heere worden.“ –

 In inniger Liebe

Deine Therese.


An die Mutter.
Weißenburg/Elsaß (im Lazarettzug), den 27. Oktober 1870

 Meine liebe Mutter, gerne würde ich die friedliche Ansbacher Lazaretttätigkeit mit der gegenwärtigen abenteuerlichen

Empfohlene Zitierweise:
Therese Stählin: Meine Seele erhebet den Herrn. Verlag der Diakonissenanstalt, Neuendettelsau 1957, Seite 188. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Therese_St%C3%A4hlin_-_Meine_Seele_erhebet_den_Herrn.pdf/190&oldid=2955154 (Version vom 20.11.2016)