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Militär befördert werden, so daß nicht genug Geleise auf den Bahnen sind. Auf der vorigen Station kamen preußische Soldaten an unsern Wagen. Die erzählten, sie lägen schon drei Tage hier (300 Mann) und könnten nicht weiter. Es waren sämtlich geheilte Verwundete, die vor Paris müssen und das erstemal bei Metz waren. – Jetzt will ich aufhören. Du siehst, daß es uns ganz gut geht, wenn auch Hindernisse da sind. Die müssen aber Herr Hauptmann und Herr Professor überwinden. Etwas, liebe Mutter, ist sehr bequem: weil unser Spitalzug unser Haus und Hof, Hab und Gut und alles ist, ist man immer eingestiegen, und Du brauchst also nie zu fürchten, zu spät zu kommen, denn solche Exkursionen wie nach Winfeld ins Chlorhäuschen machtest Du doch nicht. – Eben sieht man ein Stück von den Vogesen, wunderschön. Das Straßburger Münster sahen wir von weitem.

 Herzlichen Gruß an alle.

Deine Tochter in der Fremde.


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 15. November 1870

 Meine liebe, teure Mutter, am nächsten Samstag ist Dein Geburtstag. Das will ich Dir nur hiemit in Erinnerung bringen, im Falle Du es übersehen solltest. Und da ist es je und je Sitte gewesen, daß ich mich zum Gratulieren eingestellt habe. Ich kann’s auch diesmal nicht lassen zu kommen, trotz aller Hindernisse, und möchte mich also definitiv anmelden, aber eben schon für den Freitagabend, weil ich die Post benützen will. Den Weg finde ich schon allein, und als Nachtquartier ist mir jeder Winkel recht. Ich möchte ja kein dérangement verursachen. Ich freu mich ganz unbeschreiblich. Ich kann schon zur Not noch ein wenig deutsch sprechen, wenn ich auch in Frankreich war.

 Gott schenke uns einen fröhlichen Tag mitten in dieser Zeit der Not und Trübsal.

Deine dankbare Therese.


An die Mutter.
Zwischen Neuendettelsau und Nogent,
den 9. Dezember 1870, nachm. 4 Uhr

 Meine liebe, liebe Mutter, wieder auf dem Weg nach Frankreich. Deine Tochter wird ganz abenteuerlich. Am

Empfohlene Zitierweise:
Therese Stählin: Meine Seele erhebet den Herrn. Verlag der Diakonissenanstalt, Neuendettelsau 1957, Seite 193. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Therese_St%C3%A4hlin_-_Meine_Seele_erhebet_den_Herrn.pdf/195&oldid=- (Version vom 20.11.2016)