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Da heizen wir nun und finden’s außerordentlich gemütlich. Eine Köchin haben sie von München mitgenommen, aber der Materialverwalter klopft heut früh ans Fenster und bittet, Karoline möchte doch so gut sein und ein wenig helfen, nur ausnahmsweise, die Köchin finde sich sonst nicht zurecht. Anna sagt, Karoline müsse gewiß noch einmal im Himmel kochen. Es ist heut ein herrlicher Tag. Wir fahren durch die schneeigen Gefilde des Württemberger Ländles jetzt eben Stuttgart zu. Der Zug gehe bis Nogent, heißt’s. Er hat 25 Wagen und kann 200 Verwundete zurückbringen. Unser Hauptmann heißt Pestalozzi; vielleicht können wir ein wenig pädagogische Prinzipien profitieren. Das Pflegepersonal ist zum Teil dasselbe wie bei unserm ersten Spitalzug. Es war ordentlich lächerlich, als uns gestern in München auf unsern Einkaufwegen einer nach dem andern von den guten alten Bekannten begegnete. Der Materialverwalter gab mir einen so kräftigen altbayerischen Handschlag, daß mir mein bißchen Hand ganz weh tat. Mit den Schwestern in München waren wir sehr vergnügt. Eine davon, die diesen Sommer in Fürstenried gepflegt, erzählte uns von des Königs Besuch dort. Als er in ihren Krankensaal trat, haben die Schwestern mit den Soldaten angestimmt: Heil unserm König, Heil! Das hat unsern Ludwig gefreut. Wenn’s gut geht, komme ich an meinem Geburtstag zurück. Unser dirigierender Arzt heißt Hussel. Eine Baronin ist auch beim Pflegepersonal, weil man keine sechs Schwestern von Dettelsau geschickt. Diesmal wird in unserm Küchenwagen auch für die Soldaten gekocht, wenigstens solange es durch Frankreich geht. Des bin ich froh. Da müssen sie doch nicht wieder von der schlechten Hutzelbrüh leben wie das vorige Mal. Die Schwestern, die mit sind, heißen: Karoline Meyer[1], Marie Fleck[2], Anna Cordez[3] berühmten Namens, Friederika Deinzer, Therese Stählin.

 Adieu, meine liebe Mutter. Betet für uns, aber sorg Dich nicht. Herr Pfarrer sagte gleich: „Was wird die Mutter dazu sagen?“ und setzte hinzu: „Sie wird ihren Segen geben!“

Deine dankbare Tochter.



  1. Korr.-Bl. 1925, Nr. 1.
  2. Korr.-Bl. 1925, Nr. 6/7.
  3. Korr.-Bl. 1927, 5/6.
Empfohlene Zitierweise:
Therese Stählin: Meine Seele erhebet den Herrn. Verlag der Diakonissenanstalt, Neuendettelsau 1957, Seite 195. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Therese_St%C3%A4hlin_-_Meine_Seele_erhebet_den_Herrn.pdf/197&oldid=2955149 (Version vom 20.11.2016)