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An die Mutter.
Neuendettelsau, den 6. Januar 1871

 Meine liebste Mutter, ...Herr Pfarrer hat heute ganz kräftig, wenn auch nur ganz kurz gepredigt. Aber ich kann mich nicht mehr darüber freuen. Sein Zustand ist deswegen doch bedenklich und traurig genug. Es soll nur niemand stürmisch ums Leben beten, auch nicht um ein solches, an dem so gar viel hängt. ...Beinah, liebe Mutter, wäre ich dieser Tage wieder nach Frankreich gereist. Ich bin eben gegenwärtig am leichtesten zu entbehren, deshalb werde ich immer in erster Reihe dabei sein. Ich bin jetzt doch recht froh, daß ich nachher in mein gutes Bett darf. Aber es ist mir auch ein tiefes Genügen, wenn ich in dieser Zeit der großen Not auch etwas opfern und entbehren darf. Vorhin hab ich mit unsern Probeschwestern den Lebenslauf einer Kaiserswerther Diakonissin gelesen, die in einem Lazarett in Pont à Mousson gestorben ist. Auch wir haben eine sterbende Schwester, aber gottlob in unserer Mitte. Weißt Du, es ist die Magdalene Wunner, die diesen Sommer noch in Ansbach war und mit der wir dann heimfuhren. Sie ist uns ein rechtes Vorbild in geduldigem Leiden, muß aber sehr viel ausstehen. Gott behüte Dich, meine liebe Mutter! Grüße die Geschwister aufs innigste. Ein Buch hat mir jemand zum Geburtstag geschenkt, das mich lebhaft interessierte, ich muß Dir’s schicken! „Margarete Verflassen, ein Lebensbild aus der katholischen Kirche.“

 In herzlicher, dankbarer Liebe

Deine Therese.


An die Mutter
Neuendettelsau, den 14. Januar 1871

 Meine liebe, teure Mutter, ...geht es Euch doch gut im kalten Winter? Ich bin ganz gesund. Nur das Ergehen unseres teuren Herrn Pfarrers liegt als ein schwerer Druck auf uns. Auch Marianne ist wieder recht schwer leidend, so daß es im Pfarrhaus recht trüb jetzt aussieht. – Schwester Magdalene Wunner[1] ist gestorben. Es war ein recht friedlicher, für uns erbaulicher Heimgang. Es ist doch schön, so ein Diakonissenleben, das sich im Liebesdienst verzehrt hat...

Deine Therese.



  1. Siehe „Lebensläufe“, S. 75–85.
Empfohlene Zitierweise:
Therese Stählin: Meine Seele erhebet den Herrn. Verlag der Diakonissenanstalt, Neuendettelsau 1957, Seite 196. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Therese_St%C3%A4hlin_-_Meine_Seele_erhebet_den_Herrn.pdf/198&oldid=2955168 (Version vom 20.11.2016)