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denken, daß es für ihn die letzte sein könnte. Doch wer weiß, was der Herr beschlossen hat.

 Neulich habe ich Dir gar nichts von Westheim erzählen können, und es war doch so schön und mir eine solche Herzensfreude, auf dem heimatlichen Boden herumzuwandeln. Recht viele Leute trugen mir warme Grüße an Dich auf, manche sind inbezug auf unsere Familiengeschichte ganz im laufenden, was sich wunderlich anhört, wenn sie so vertraut von Berta und Ida, Adolf und Eduard etc. reden. Ich schaute mich genau im Pfarrhaus um, und die Frau wußte mir auch alles zu sagen: „Hier war die Wohnstube, da die Küche, an diesem Herd haben Berta und ich viel gekocht, da oben wohnte die Tante, als sie von München zu Besuch kam, da sind die Kinder nacheinander zur Welt gekommen“ etc. Es war mir alles so rührend und auch das Kirchlein, in dem ich die heilige Taufe empfangen, betrachtete ich mit besonderen Gefühlen.

 Ich habe in diesem Semester viele Schülerinnen, unter anderen auch eine 38jährige Gouvernante, die die jüngste Tochter von Frau Marie Nathusius erzogen hat.

 Schwester W. und A. wollten austreten, konnten es aber doch nicht übers Herz bringen, – sie sind eigentlich nur der übergroßen Anstrengung, die sie in Hof hatten, erlegen und wußten sich nicht recht zu helfen, da man sie von hier aus nicht ablösen konnte. Der Magistrat dort hat nämlich die Lazarettzeit benützt, gute Geschäfte für sein Spital zu machen. Es kamen endlose Soldatentransporte, ohne daß irgendwer fürs Lazarett eigens angestellt worden wäre, sondern die Spitalschwestern mußten neben dem andern Dienst die 70 – oder wie viel es gerade waren – Soldaten verpflegen. Nun, die Kriegszeit bringt eben viel Abnormes mit sich...

 In herzinniger, dankbarer Liebe

Deine Therese.


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 11. Mai 1871

 Mein liebes Mütterlein, es ist gar nicht in der Ordnung, daß Du mir mehreremale nacheinander schreibst, ehe ich antworte, aber ich danke Dir für jeden Deiner lieben Briefe. Wie sehr ich mich freue, daß Du kommen willst, muß ich Dir vor

Empfohlene Zitierweise:
Therese Stählin: Meine Seele erhebet den Herrn. Verlag der Diakonissenanstalt, Neuendettelsau 1957, Seite 199. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Therese_St%C3%A4hlin_-_Meine_Seele_erhebet_den_Herrn.pdf/201&oldid=2955119 (Version vom 20.11.2016)