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zu dürfen. Eben haben wir eine unglückliche Geisteskranke im Garten herumgeführt. – Grüße die liebe Mutter und Julie und die Kinder.

Deine Therese.


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 26. Oktober 1871

 Meine liebste Mutter, nimm meinen herzlichsten Dank für Deinen lieben Brief, mit dem Du mir zuvorgekommen, denn billig hätte ich zuerst schreiben sollen.

 Von Polsingen habe ich keine neuen Nachrichten. Der kleine Hans[1] ist hier bei seinem Großvater, und es ist sehr rührend, wie er immer mit trippelt, wenn Herr Pfarrer in dem bequemen Rollstuhl, den ihm Gräfin Giech geschickt, spazieren gefahren wird, was fast täglich geschieht. Herr Pfarrer hat kürzlich zwei Schwesterneinsegnungen selbst halten können. Das war eine große Freude. Verzeih diesen flüchtigen Gruß. Bald kommt mehr...

Deine dankbare Therese.


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 2. Dezember 1871

 Liebste Mutter, recht schönen Dank für die schönen Früchte, die mir Deine Liebe geschickt. Wie gerne denke ich an Deinen sonntäglichen Geburtstag. Es war doch ein schöner, schöner Tag, und wie dankbar bin ich, daß ich da sein durfte.

 Mit dem Judenmädchen ist jetzt keine Gefahr mehr. Der Vater legt ihr kein Hindernis mehr in den Weg, und sie gefällt uns immer gleich gut. Als ich ihr gestern Stunde gab, sagte sie unter Tränen, ich könne mir gar nicht denken, wie ihr zu Mut sei und wie sie sich freue. Sie sei doch nun noch nicht getauft, aber „da drinnen“ (im Herzen) sei’s schon ganz anders geworden, seit sie hier sei, als zuvor.

 Eine meiner Schülerinnen bringt Dir das Brieflein. Sie freut sich sehr, Dich zu sehen.

 In herzlicher Liebe

Deine Therese.


Empfohlene Zitierweise:
Therese Stählin: Meine Seele erhebet den Herrn. Verlag der Diakonissenanstalt, Neuendettelsau 1957, Seite 201. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Therese_St%C3%A4hlin_-_Meine_Seele_erhebet_den_Herrn.pdf/203&oldid=2955146 (Version vom 20.11.2016)
  1. Kind des Gutsbesitzers Ferdinand Löhe in Polsingen.