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Gott und Menschen erfährt, einen drückt, da ich mir sagen muß, daß „ich täglich viel sündige und wohl eitel Strafe verdiene.“ – Wir wollen, wenn Gott auch so will, am Sonntag nachmittag um 2 Uhr hier fortfahren und dann um 5 Uhr mit dem Eilzug nach Oettingen weiter reisen. Da wird übernachtet und dann Lichtmeß in Polsingen gefeiert, am Dienstag Visitation gehalten und am Mittwoch wieder heimgekehrt.

 Am Freitag nachmittag um 2 Uhr ist noch in der Blauen Schule gefürchtete Visitation, und dann kommt die große Freude.

 Gott behüte Dich, meine liebe, teure Mutter! – Du weißt es doch, auch wenn ich’s Dir nicht sage, daß ich so glücklich und zufrieden bin, als man eben auf Erden sein kann. Ich wüßte nicht, was ich begehren sollte außer dem Einen, von der Sünde frei zu werden. Aber das wird auch einmal geschehen.

 Herr Pfarrer Blumhardt gibt auch Blätter heraus. Ich weiß nicht, ob Ihr sie lest. Herr Rektor zeigte mir heut einen Aufsatz darin über Rechtfertigung und Heiligung, der sehr schön ist.

 Grüße die Geschwister herzlich.

Deine Therese.


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 22. Februar 1874

 Meine liebste Mutter, ...wir sind hier seit dem vorigen Donnerstag tief ergriffen und bewegt von einem Vorfall, der vielleicht auch schon zu Euren Ohren gedrungen ist. Ein Rabbiner von Nürnberg kam mit einem andern Juden mit einer Legitimation vom Oberrabbiner in Odessa und von der Mutter unserer beiden Judenkinder, um diese abzuholen. Herr Pfarrer Weber, der nun einmal die Judensache in der Hand hat, entschied, man müsse die Kinder ziehen lassen. So geschah’s denn auch, uns aber blieb der jammervolle Gedanke, die armen Kinder, von denen das eine doch getauft ist, den Juden ausgeliefert zu haben. Der Fehler war von Anfang an gemacht worden, da sie Herr Pfarrer Weber hier behalten, während ihr Bruder sie auf unrechtmäßige Weise entführt hat. Es ist nun geschehen, was geschehen ist, und läßt sich nicht

Empfohlene Zitierweise:
Therese Stählin: Meine Seele erhebet den Herrn. Verlag der Diakonissenanstalt, Neuendettelsau 1957, Seite 217. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Therese_St%C3%A4hlin_-_Meine_Seele_erhebet_den_Herrn.pdf/219&oldid=2955120 (Version vom 20.11.2016)