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Herr Rektor hat mir zum Geburtstag so etwas Schönes geschrieben, etwas fürs Leben. Das hat mich so arg gefreut. Er hat mich auch gleich gefragt, ob ich auch einen Brief von meinem Mütterlein bekommen hätte. Es ist mir diesmal eine Hauptsorge, daß bei all den äußeren Geschäften doch das Herz recht stille bleibt.

Deine Therese.


An ihre Mutter.
Neuendettelsau, den 24. Februar 1875

 Meine liebste Mutter, heute ist der Todestag unseres seligen Vaters. Damals war Buß- und Bettag, als ich zur Leiche heimreiste, und den folgenden Buß- und Bettag brachte ich schon hier zu. Das war mir damals ein so unbeschreiblich schöner Tag. Leonhard war von Erlangen aus als Student hier, und wir waren nachmittags beim lieben seligen Herrn Pfarrer eingeladen. Wie alt man doch in aller Schnelle wird, und immer näher geht’s dem Sterbestündlein. Ich schaue oft hinaus zu meinem kleinen Fensterlein, und da geht der Blick gerade auf unsern Kirchhof. Es wird wohl nicht von ungefähr sein, daß ich gerade so wohnen darf.

 Dieses Frühjahr muß der Kirchhof erweitert werden – und noch etwas Großes wird in Angriff genommen. Es soll nun ein Feierabendhaus gebaut werden, dort unten hin neben das Rektorat. Es werden doch nach und nach der invaliden Schwestern mehr, und da wird’s zu eng im Mutterhaus und ist auch nicht still genug. Es ist recht wunderbar gegangen. Eine neu eingetretene Schwester hat ihr ganzes Vermögen hingelegt, und davon baut man nun das Haus.

 Die Blöden von Polsingen haben eine Menge Strohdecken für unsern Betsaal gearbeitet. Sie wollen nach und nach den ganzen Betsaal belegen. Da gibt’s immer allerlei nette Geschichtchen mit den dortigen Blöden. Einer ist krank, fühlt aber seine Schmerzen nicht und fragt den Doktor, wenn er ihn untersucht: Tut’s weh?

 Bitte, grüße die lieben Geschwister herzlich, und sei Du mit allen Sorgen und Kümmernissen Deines Herzens dem befohlen, der gesagt hat: Ich will dich nicht verlassen noch versäumen.

Deine dankbare Therese.


Empfohlene Zitierweise:
Therese Stählin: Meine Seele erhebet den Herrn. Verlag der Diakonissenanstalt, Neuendettelsau 1957, Seite 222. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Therese_St%C3%A4hlin_-_Meine_Seele_erhebet_den_Herrn.pdf/224&oldid=2955134 (Version vom 20.11.2016)