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gar schön hier, und ich freue mich, daß ich einige stille Tage hier zubringen darf. Nächsten Samstag geht Marie, so Gott will, mit nach Dettelsau. Nächste Woche am 16. und 17. ist Schwesterntag und am 19. Einsegnung von acht Schwestern. Herr Rektor und Frau Oberin sind in dieser Woche in Kaiserswerth, wo Generalkonferenz ist.

 Am Donnerstag ist das berühmte Waldfest mit den Blöden. Da müssen wir uns noch auf Spaß und Unterhaltung besinnen. Adele[1] hat nun ihren taubstummen Bruder mit hier, und es hatte mir heute etwas unbeschreiblich Rührendes, als ich dem Unterricht von zwei Taubstummen ein wenig beiwohnte und in dem Heft des einen das Evangelium vom Taubstummen las.

 Die Wälder fangen nun schon an ein wenig herbstlich zu werden. Ich sitze so gern ein wenig allein unter den Eichen und Buchen und freue mich der Stille. Nach Stille verlangt meine ganze Seele, und wie schön wird’s sein, wenn auch der ewige Jubel durch tiefe Stille unterbrochen wird. Aber hier auf Erden machen die Sünden und Sorgen uns so oft unruhig, daß wohl die Minuten selten sind, da man inwendig ganz still ist. –

 Ich habe den Brief in Polsingen nicht vollendet und eile nun, daß er doch endlich fortkommt. Das Waldfest war ganz schön und vereinigte Scherz und tiefen Ernst, und weil sich doch Leib und Seele freuen sollen in dem lebendigen Gott und bei den Blöden ersteres ja nicht zu kurz kommen darf, so wurden große Eimer voll Schokolade hinausgetragen und mächtige Stücken Kuchen dazu verzehrt. Wir sangen Psalmen und Lieder, ein Blinder, der dabei war, machte zwischenein Musik auf seiner Harmonika, Katz und Maus wurde auch gespielt, dann wieder eine Rede gehalten, die wenigstens sehr gut gemeint war. Mir hatte die „Schloßfrau“ aufgetragen, die Beschreibung von Polsingen vorzulesen, die einmal unser lieber seliger Herr Pfarrer in einem Kalender hat drucken lassen und die mit ihrem idealen Charakter sich wohl nirgends so gut ausnahm, als unter diesem Waldesgrün bei den himmelanstrebenden


  1. Schwester Adele Cullaz, siehe Korr.-Bl. 1911, Nr. 6/7.
Empfohlene Zitierweise:
Therese Stählin: Meine Seele erhebet den Herrn. Verlag der Diakonissenanstalt, Neuendettelsau 1957, Seite 224. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Therese_St%C3%A4hlin_-_Meine_Seele_erhebet_den_Herrn.pdf/226&oldid=2955158 (Version vom 20.11.2016)