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An die Mutter.
Neuendettelsau, den 17. März 1876

 Meine liebste Mutter, ich hatte vorigen Samstag Prüfung und bin froh, daß dieses schwere Semester zu Ende ist. Ich habe schon mehrere neue Schülerinnen, die sich jetzt einleben müssen. Der Kurs war so besonders schwer, weil wir so viele Schülerinnen hatten, denen ’s noch gar kein Ernst mit dem Diakonissentum war, und der Kampf mit einem rohen Magdsinn ist recht hart und schwer. Es hat mir auch recht oft an der nötigen Geduld und Liebe gefehlt. Vielleicht gibt Gott ein besseres Semester, aus dem dann auch mehr Frucht fürs Diakonissentum hervorgeht, denn wir konnten nur wenige behalten, und doch sind immer so viele Stellen zu besetzen. Vor wenig Tagen kam auch die Anfrage von Memmingen, ob wir zwei Schwestern für die Gemeindepflege dort abgeben könnten, es sei eine Stiftung zu diesem Zweck gemacht worden...

 Heut feiern wir den Geburtstag unseres lieben Herrn Rektors. Gott wolle ihn uns gnädig noch lange erhalten. Seine Mutter fragt immer oder doch fast immer nach Dir, wenn ich sie besuche. Ich hab ihr am Sonntag Schneeglöckchen gebracht. Vorigen Sonntag war doch das unvergleichlich schöne Evangelium vom kananäischen Weib. Das habe ich so besonders gern. Da stand am Nachmittag eine herrliche weiße Hyazinthe in meinem Zimmer, und auf dem Topf war aufgeklebt: „Ja, Herr, aber doch!“ – Wir haben’s jetzt so besonders gut in der schönen heiligen Passionszeit. Jeden Mittag versammeln wir uns zur Stillen halben Stunde. Herr Rektor gibt immer das Thema für die stille Betrachtung, und nachher spricht er uns ein Gebet vor, das wir satzweise nachsprechen...

 Gott behüte Dich, meine liebe Mutter.

Deine Therese.


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 4. April 1876,
meinem Aussegnungstag vor 19 Jahren

 Meine liebe Mutter, vorigen Sonntag hatten wir leider keinen Gottesdienst im Betsaal, weil Herr Rektor heftiges Katarrhfieber hatte... An unserm Feierabendhaus wird eifrig gearbeitet. Es wird ein wenig schwer sein, wenn die ersten

Empfohlene Zitierweise:
Therese Stählin: Meine Seele erhebet den Herrn. Verlag der Diakonissenanstalt, Neuendettelsau 1957, Seite 227. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Therese_St%C3%A4hlin_-_Meine_Seele_erhebet_den_Herrn.pdf/229&oldid=2955107 (Version vom 20.11.2016)