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zwei kr. kostet und man sehr wenig Zeit zum Üben haben wird. Heute habe ich den ganzen Tag gebügelt und bin deshalb sehr müde. Sei herzlich gegrüßt von

Deiner dankbaren Therese.


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 6. November 1855

 Teuerste Mutter, heute sind es gerade acht Tage, daß ich hier angekommen bin. Ich habe gerne etwas länger mit dem Schreiben gewartet, um Ihnen gleich etwas mehr als meine glückliche Ankunft mitteilen zu können.

 Wir kamen also gestern vor acht Tagen nach Ansbach und blieben da bei Frau Magister Beck, einer sehr lieben Frau, über Nacht. Am folgenden Tage hörten wir Herrn Pfarrer Rabus predigen und gingen später ins Alumneum, wo mir ein freundliches Frauenzimmer das Bett und Pult unseres lieben seligen Ludwig zeigte. – Da sich uns nachmittags Fahrgelegenheit bis Schlauersbach, eine Stunde von Neuendettelsau, bot, so benützten wir sie mit einem Frauenzimmer aus Ansbach, das ebenfalls hier den Kurs mitmachen will. Dieses Frauenzimmer ist mir in der kurzen Zeit, die ich sie kenne, schon unendlich lieb geworden. Sie ist mir wie eine ältere Schwester und eine Längstbekannte. Ach, wenn ich sie und Johanna Zwanziger nicht hätte, dann würde sich das Heimweh gewiß noch mit viel größerer Heftigkeit eingestellt haben. Ich habe ohnehin schon viel und oft damit zu kämpfen; denn in einem Hause wie diesem kann sich natürlich keines viel um das andere annehmen. Jedes hat genug für sich selbst zu sorgen, und namentlich die Vorsteherinnen und Aufseherinnen, von denen ein herzliches Wort einem so wohl tun würde, können sich natürlich nicht um die Einzelnen, besonders um die Fremden, bekümmern. Dazu kommt noch, daß ich bis jetzt noch gar nicht weiß, ob ich eigentlich als Unterlehrerin verwendet werden kann und inwiefern dies geschehen soll. Man spricht immer von französischem Unterricht, doch von niemand, der ihn erteilt. Das macht mich wohl recht niedergeschlagen und traurig; denn ich sehe wohl, daß ich auf diese Weise nicht viel weiter kommen werde in dem, was ich zu

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Therese Stählin: Meine Seele erhebet den Herrn. Verlag der Diakonissenanstalt, Neuendettelsau 1957, Seite 21. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Therese_St%C3%A4hlin_-_Meine_Seele_erhebet_den_Herrn.pdf/23&oldid=2917148 (Version vom 17.10.2016)