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Verweser ein Beweis, der so treu und fromm ist, so herzlich für die Gemeinde sorgt, unsere Abendgottesdienste so fleißig besucht etc. Er ist aber bereits designierter Pfarrer von Dürrenmungenau und kann deswegen nicht Pfarrer von Dettelsau werden, was die hiesige Gemeinde so sehr wünschte. Wer aber hieher kommen wird, das weiß außer Gott niemand, vielleicht der selige Herr Pfarrer noch, wenn’s dem der liebe Gott anvertraut hat, aber unter den Sterblichen niemand, und es meldet sich auch niemand, und Herr von Eyb kann dem Konsistorium niemand vorschlagen. Gott wird’s ja in Gnaden versehen. Betet auch darum. Wunderbarerweise fühlen sich Webers sehr wohl und glücklich in Polsingen, was ja in Dettelsau nicht der Fall war, und hinwiederum sind die Anstalten und die Gemeinde unbeschreiblich glücklich über der neuen Zeit der Gnadenheimsuchung, die für Polsingen durch Herrn Pfarrer Weber gekommen ist. – Am letzten Sonntag, den Herr Pfarrer Weber hier zubrachte, war gerade das Evangelium vom Jüngling zu Nain, und am Nachmittag weihte Herr Pfarrer das neue Stück Gottesacker, das dem alten eingefügt worden ist. Das war seine letzte Amtshandlung – und dann ging er fort und erfuhr selbst erst beim Abschied, wie schmerzlich ihm das Scheiden war...

Eure Schwester Therese.


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 1. September 1876

 Meine liebste Mutter, ...gestern hatte ich Prüfung. Es war ein recht geringes Semester, zum Teil sehr unbegabte Leute, mit denen sich im Lernen nicht viel anfangen ließ. Ich bin oft recht müd und möchte mich so wehren gegen das innerliche Altwerden, da es an Lebenssaft und freudigem Lebensmut gebrechen will. Man sollte sich mehr freuen können, im rechten Sinn freuen, dann wäre alles besser. Es hat einmal ein Freund den andern gefragt: „Hast Du noch Jugend?“ Das Wort fällt mir manchmal ein. Gott erhalte Dich, liebe Mutter, in Deinem Alter frisch und lasse auch Deine alternde Tochter wieder frisch und jung werden. Sind wir doch zu einer ewigen Jugend bestimmt.

 In herzlicher, dankbarer Liebe

Deine Therese.


Empfohlene Zitierweise:
Therese Stählin: Meine Seele erhebet den Herrn. Verlag der Diakonissenanstalt, Neuendettelsau 1957, Seite 230. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Therese_St%C3%A4hlin_-_Meine_Seele_erhebet_den_Herrn.pdf/232&oldid=2955118 (Version vom 20.11.2016)