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An die Mutter.
Neuendettelsau, den 12. Dezember 1876

 Meine liebste Mutter, ...denke nur, was ich Marie schenke. Mir fuhr’s neulich so durch den Sinn, ob ich nicht jemand auftreiben könnte, der unser Pfarrhaus auch für sie malt, wie mir’s Vetter Joseph einmal so schön gemacht. Dann hab ich aber der Kürze der Zeit wegen doch kein Fortschicken mehr gewagt, und ich hab mein eigenes Bild herausgenommen, es frisch aufkleben lassen auf weißen Karton, und nun steht oben drüber wunderschön gemalt: „Wir haben hier keine bleibende Stadt“ und darunter: „In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen“. Neben herum kleb ich gepreßte Gräslein etc. von unsern Gräbern in Weiltingen. Wir haben ja hier eine Schülerin vom Herrn Doktor in Weiltingen. Ich denke, Marie freut sich darüber.

 Denke nur, was ich für eine Freude habe: ich unterrichte seit gestern täglich eine Stunde lang drei kleine Kinder: Herrn Rektors Ernst, Herrn Doktors Mariele und ein kleines Rettungshausmädchen. Heute haben wir das „r“ lesen und schreiben gelernt. Ich komme mir ganz komisch vor, da ich in meinem Leben noch nicht so kleine Kinder unterrichtete. Ich tue es auch nur aushilfsweise, weil leider Marie von Werder krank ist, deren Beruf es sonst ist. Aber Kinder zu unterrichten ist etwas Reizendes. Herr Doktor ist immer wie in einem Paroxismus von väterlichem Entzücken, wenn er von seinem Mariele und ihrem gemeinsamen Unterricht mit Ernst spricht, und dieser hat neulich daheim erzählt: Das Mariele hat mehr Gabe als ich zum Schreiben, es macht die Buchstaben so schön wie Schwester Marie.

 Ich habe diesmal eine so besonders gesegnete Adventszeit, kann mich über alles so freuen, über den Sonnenglanz und die milde Luft, über den Sternenhimmel und das grüne Moos, über jede neue Gabe zu unserer Armenbescherung etc. Die liebe selige Auguste schrieb einmal so etwas Tiefempfundenes über die Fähigkeit sich zu freuen. An der liegt’s eben. Wenn Gott uns die geschenkt, weil Er der Mittelpunkt unsrer Freude ist, dann gibt’s viele Freuden auch außerdem.

Deine Therese.


Empfohlene Zitierweise:
Therese Stählin: Meine Seele erhebet den Herrn. Verlag der Diakonissenanstalt, Neuendettelsau 1957, Seite 231. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Therese_St%C3%A4hlin_-_Meine_Seele_erhebet_den_Herrn.pdf/233&oldid=2955113 (Version vom 20.11.2016)