Seite:Therese Stählin - Meine Seele erhebet den Herrn.pdf/239

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
An die Mutter.
Neuendettelsau, den 31. Dezember 1877

 Meine liebe Mutter, da habe ich so schönes Briefpapier zum Geburtstag bekommen und benütze es nun gleich, Dir einen Neujahrsbrief darauf zu schreiben... Ich durfte so besonders viel Liebe erfahren, daß ich sehr beschämt war davon.

 Meine Schülerinnen sangen mir frühmorgens ein Lied von Johann Tauler, das ich so besonders gerne habe, und unser lieber Herr Rektor schickte mir durch den kleinen Ernst einen schönen Vers als Geburtstagswunsch; er ist von Paul Gerhardt und heißt: „Drum, frommer Christ, wer du auch bist, sei gutes Muts und laß dich nicht betrüben, weil Gottes Kind dich ihm verbindt, so kann’s nicht anders sein, Gott muß dich lieben.“... Nun haben wir viel gefeiert und Feste gehalten, und ich kehre sehr gerne nach dem 2. Januar zu der regelmäßigen Tätigkeit zurück, die doch für den äußeren und inneren Menschen eine große Wohltat ist. Gestern nachmittag war’s noch eine besonders liebliche Feier: im Feierabendhaus wurden der Altar und die kleinen neuen Gefäße zum Sakrament geweiht. Weißt Du, das Feierabendhaus macht so einen besonders feierlichen Eindruck, ich denke, ich will einmal recht gern all mein bißchen Arbeit hinlegen und darin kranken und sterben.

 Meine liebe Mutter, Du bekommst dies Brieflein an Neujahr. Der Herr Jesus gehe mit Dir und uns allen ins neue Jahr hinein, dann mag kommen, was da will, es kann uns nicht wirklich schaden...

 Ich danke Dir für alle Deine treue Mutterliebe von allem Anfang an. Gott vergelte Dir alles reichlich. Unser lieber seliger Herr Pfarrer pflegte den Spruch mit besonderm Nachdruck oft zu sagen: „Vergiß nicht, wie sauer du deiner Mutter geworden bist.“ – Gott schenke Dir ein friedvolles Jahr, voll tiefer Freude an Gott und der unsichtbaren Welt. Nochmals herzlichen Dank!

Deine Therese.


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 4. Februar 1878

 Meine liebe Mutter, ...für Deinen letzten lieben Brief habe ich Dir noch nicht gedankt, ich tu es nun jetzt in später

Empfohlene Zitierweise:
Therese Stählin: Meine Seele erhebet den Herrn. Verlag der Diakonissenanstalt, Neuendettelsau 1957, Seite 237. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Therese_St%C3%A4hlin_-_Meine_Seele_erhebet_den_Herrn.pdf/239&oldid=2955157 (Version vom 20.11.2016)