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Abendstunde in meinem kleinen warmen Stüblein, das mir so lieb und wert ist. Sara hat mir neulich auch einen schönen Spruch geschrieben, der jetzt über meinem Bette hängt. Es ist der, in dem die Worte vorkommen: „Abba, lieber Vater.“ Ja, wenn ich das gewiß weiß, daß ich Gottes Kind bin, dann ist alles gut... Wie gerne möchte ich, daß so viele als möglich von unseren Nichten hieherkämen, wo wir an Leib und Seele so wohl geborgen sind – nicht, daß hier nicht auch viel Schweres wäre, ach nein, ohne Druck und Kreuz wär’s uns doch gar nicht gut. ...

 Auch in unserer Schwesternschaft ist kürzlich der Tod eingekehrt. Am Hofer Krankenhaus starb ganz schnell eine Schwester am Typhus. Sie hatte manches an sich, was im Leben störend war, und manche Schwester hat nicht ganz leicht an ihr getragen, aber in ihrem Sterben trat ein sieghafter Glaube hervor. „Ach, man soll doch die Leute erst sterben lassen, ehe man ein Urteil über sie haben will“, sagte Herr Rektor neulich.

 Unsere liebe alte Frau Professor Lichtenberg wohnt nun mit ihrer Tochter in den kleinen Stüblein oben bei Stapfers. Es ist mir immer so heimlich bei ihr, und ich ergötze mich so an ihrem fröhlichen Glauben. Sie hat viel erlebt, viel wunderbare Gotteshilfe erfahren und kann drum andern auch so getrost zusprechen.

 In dankbarer Liebe

Deine Therese.


An Schwester Marie Preller.
Neuendettelsau, 2. Sonntag nach Trin. 1878

 Liebe Schwester Marie, es ist mir auf dem Weg zum Feierabendhaus oft ganz eigen zu Mut. Aber wie gut haben wir’s, daß wir eine solche Friedensstätte haben. Vor dem Ende noch ein Stücklein Leben im Feierabendhaus voll brennender Begier nach oben und stiller, friedvoller Bereitung, das muß auch ganz schön sein. Ihr glaubt nicht, wie traulich und heimelig immer die Gottesdienste am Sonntag nachmittag um vier Uhr sind. Jetzt nimmt Herr Rektor nacheinander den Wüstenzug durch. Am Sonntag nach Weihnachten hatten wir eine schöne

Empfohlene Zitierweise:
Therese Stählin: Meine Seele erhebet den Herrn. Verlag der Diakonissenanstalt, Neuendettelsau 1957, Seite 238. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Therese_St%C3%A4hlin_-_Meine_Seele_erhebet_den_Herrn.pdf/240&oldid=2955163 (Version vom 20.11.2016)