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Pfarrer macht es einem nicht schwer: er setzt wöchentliche Pensa fest, und am Ende der Woche müssen wir vor seinen Ohren examinieren. Emma Merz und Marianne haben die übrigen Mädchen. Für das Englische ist Marianne, die Tochter des Herrn Pfarrers, für die Anfängerinnen da und Frau von Petrikofska für die weiter Geförderten. Ich will sehen, wie es mir da geht. Man spricht von einer Engländerin und Französin, die hieher kommen sollen, doch glaube ich noch nicht recht daran.

 Nun möchte ich Dich noch gerne um etwas fragen: wie soll ich es machen, um nicht so viele Freundinnen zu bekommen? Ich kann doch nicht unfreundlich sein, wenn man mir so liebreich entgegenkommt.

 Heute über acht Tage ist hier heiliges Abendmahl. Wie freue ich mich! Doch wird nicht wie gewöhnlich Privatbeichte sein, da Herr Pfarrer sich immer noch nicht ganz wohl fühlt. Es will einem manchmal recht bange werden, wenn man ihn ansieht und in dem achtundvierzigjährigen Mann schon einen Greis erblickt. Er nennt sich auch immer „den alten Pfarrer von Dettelsau“ und macht hie und da im Vorbeigehen Bemerkungen, die uns durchs Herz gehen. Seine Tochter scheint ein sehr liebenswürdiges Mädchen zu sein; doch habe ich noch fast nichts mit ihr gesprochen. Denke Dir, Herr Pfarrer ißt alle Tage bei uns zu Mittag mit Marianne und seiner Nichte. Nach Tisch geht er in den Betsaal und bleibt da bis 3 Uhr, bis die Stunde beginnt. Während dieser Zeit kann jeder zu ihm gehen, der etwas auf dem Herzen hat.

 Nachts 1/21 Uhr. Nun bin ich ganz glücklich. Die erste Predigt von Herrn Pfarrer Löhe liegt, wenn auch nicht ganz ausführlich, doch in der Hauptsache genau nachgeschrieben vor mir. O, wenn uns nur der liebe Gott Herrn Pfarrer noch lange erhält! Diesen Abend kam er nicht zur Seelsorgestunde, was neuen Grund zur Besorgnis gibt. Wir haben uns also heute vergebens gefreut.

 In inniger Liebe

Deine Therese.


Empfohlene Zitierweise:
Therese Stählin: Meine Seele erhebet den Herrn. Verlag der Diakonissenanstalt, Neuendettelsau 1957, Seite 25. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Therese_St%C3%A4hlin_-_Meine_Seele_erhebet_den_Herrn.pdf/27&oldid=2917156 (Version vom 17.10.2016)