Seite:Therese Stählin - Meine Seele erhebet den Herrn.pdf/34

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.

gestern lebten wir wieder etwas auf, als es hieß, Herr Pfarrer habe eine ziemlich gute Nacht gehabt. Herr Doktor sagt, es sei eine leichte Lungenentzündung. O bete doch auch mit uns, daß ihn der liebe Gott noch recht lange erhält! Was sollte aus diesem Hause werden, wenn er nicht mehr das Ganze leitet?

.

 Doch ich will mich wieder in die schöne Festzeit versetzen und Dir einiges von unserer Weihnachtsfeier erzählen. Am heiligen Abend war unser lieber Betsaal herrlich geschmückt. Auf dem Altar war eine Krippe arrangiert, vor demselben war ein großer Triumphbogen von Tannenzweigen, in jedem Eck stund ein Baum; der Kronleuchter, der einen Dornenkranz vorstellt, war mit Rosen geschmückt. Vier Missionszöglinge lasen die Weihnachtslektionen; dazwischen stimmten wir das Lied: „Erschienen ist der helle Tag“ an, dann hielt Herr Pfarrer eine kurze Rede, an welche sich sodann die Beichte, zu der ich mit mehreren andern ging, anschloß. „Ich will nun“, so begann Herr Pfarrer, „in die Tiefe des göttlichen Reichtums greifen und euch das Almosen geben, das Er uns aus Seiner Krippe bietet, das Er am Kreuz uns erworben, das Er aus dem Grabe uns bringt, das Seine Himmelfahrt und die heilige Pfingstzeit uns zusichert“ etc. O ich war so selig, so überglücklich! Und damit das Maß ja voll werde, bekam ich noch vier Briefe auf einmal. Am ersten Feiertag empfing ich das heilige Abendmahl und durfte, wie Herr Pfarrer sagte, eine Krippe sein, in welcher der treue Heiland einziehen will. Vormittags predigte Herr Inspektor Bauer, nachmittags Herr Pfarrer. Ernst, sehr ernst war diese Predigt, so daß es einem gar nicht mehr weihnachtlich zu Mute ward. Nach der Kirche ließ mich Fräulein Rehm rufen, um mir zu sagen, daß ich ins Pfarrhaus eingeladen sei. Ich wußte gar nicht, wie ich zu dieser Ehre kam; aber Du kannst Dir denken, wie glücklich ich war, als mir dieser längst gehegte Wunsch so unerwartet erfüllt wurde. Ich mußte mich ganz dicht an Herrn Pfarrers Seite setzen, und er nahm eine Torte, setzte sie auf den Tisch mit den Worten: „So, die gehört meinen lieben Schülerinnen, da steht mein Name darauf“ etc. Gegen Abend kam ein solcher Haufe von Studenten, daß man sich kaum mehr rühren konnte. Herr Pfarrer aber sagte: „Setzen Sie sich nur, es geht schon; was kann ich dafür, daß der Zimmermann die Stube so klein gemacht

Empfohlene Zitierweise:
Therese Stählin: Meine Seele erhebet den Herrn. Verlag der Diakonissenanstalt, Neuendettelsau 1957, Seite 32. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Therese_St%C3%A4hlin_-_Meine_Seele_erhebet_den_Herrn.pdf/34&oldid=2917140 (Version vom 17.10.2016)