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Wohltat, die Er mir erzeigt, indem Er mich in dieses Haus geführt.

 ...Den ganzen zweiten Festtag waren wir voll freudiger Erwartung; denn am Abend sollte unsere Bescherung stattfinden. Alle Päckchen, die in dieser Zeit gekommen waren, lagen wohl verwahrt bei Fräulein Rehm. Nur wenn man so ungefähr ahnt, daß es ein halber Geburtstagspack ist, dann erhält man die Erlaubnis, ihn öffnen lassen zu dürfen. ...Nun aber noch etwas von unserer Bescherung: Zuerst gingen wir in den Betsaal, wo ein Baum, der bis an die Decke reichte, die vorhin beschriebene Herrlichkeit vermehrte. Herr Pfarrer ermahnte uns, die nun bereiteten Gaben doch ja nicht als das Beste vom Weihnachtsfest anzusehen, sondern Jesus soll uns das liebste Geschenk sein etc. Nachdem wir noch einige Lieder gesungen hatten, ging’s in das Eßzimmer, das mit Tannengewinden, künstlichen Blumen, vier Bäumen, einem Transparent etc. feierlich verziert war. Auf den langen Tafeln lagen die Geschenke in schöner Ordnung und wurden unter lautem Jubel der großen und kleinen Kinder und unter den witzigen Bemerkungen Herrn Pfarrers in Empfang genommen.

 Ja, es war eine herrliche Zeit für uns alle; aber leider folgten darauf einige trübe Tage; denn schon am Donnerstag hieß es, Herr Pfarrer sei sehr unwohl. Wie ein Donnerschlag traf uns diese Nachricht, die uns um so mehr ängstete, als Herr Pfarrer schon vorigen Sommer immer vom „Heimgehen“ im nächsten Winter gesprochen. Gott aber hat unser heißes, inbrünstiges Gebet in Gnaden erhört, so daß unser teurer Lehrer schon heute wieder zu Tisch kommen will. Wir freuen uns unendlich darauf, denn ohne ihn geht nichts...

Ihre dankbare Therese.


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 29. Januar 1856

 Liebste Mutter, nun habe ich fünfunddreißig Briefe bekommen, seit ich hier bin. Als vorigen Dienstag der Briefbote Fräulein Rehm die Briefe übergab, während sie in der Konferenz war, sagte sie, die Adressen ansehend: „Was, schon wieder?“

Empfohlene Zitierweise:
Therese Stählin: Meine Seele erhebet den Herrn. Verlag der Diakonissenanstalt, Neuendettelsau 1957, Seite 34. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Therese_St%C3%A4hlin_-_Meine_Seele_erhebet_den_Herrn.pdf/36&oldid=2917149 (Version vom 17.10.2016)