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haben wir auch einige Schreibstunden bekommen, die ganz kostbar waren. Sie hatten weniger den Zweck, uns schreiben zu lehren, als uns für die Schrift zu begeistern... Herr Pfarrer ist alle Tage hier, und da freuen wir uns denn immer ganz kindisch aufs Essen; denn Herr Pfarrer bringt alle Tage etwas Neues und Schönes aus seinen unerschöpflichen Quellen hervor; vor einiger Zeit erzählte er uns alle Tage die Geschichte des Heiligen, der gerade im Kalender stand. Ach, das waren herrliche Stunden! Denn Herr Pfarrer erzählt ganz unvergleichlich. Jetzt liest er uns aus einem Buche von Luther über Abendmahlsgemeinschaft vor; denn das ist der Gegenstand, über den wir in letzter Zeit viel sprechen. Ich habe viel darüber nachgedacht, viel gebetet, denn Herr Pfarrer will durchaus, daß wir hierin unserer eigenen Überzeugung folgen. Und gottlob! es ist mir ganz klar geworden...

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 Du staunst vielleicht, meine liebe Schwester, daß ich tue, als sei ich in der Absicht hierher gegangen, Diakonissin zu werden. Doch, wenn auch dies nicht der Fall war, so steht es doch jetzt so mit mir, daß ich, wenn anders Gott will, den Diakonissenberuf mir als Lebensberuf erwählt habe. Mir kommt ein anderes Leben jetzt ganz elend und leer vor. Doch es sei ferne, daß dies der Beweggrund sein sollte. Nein! Der Grund, warum eine Diakonissin sich ihrem Beruf widmet, ist die innige Liebe zu ihrem Heiland, der zu ihr spricht vom Kreuz herab: Siehe, das tue ich für dich; was tust du für mich? O daß doch in meinem Herzen eine rechte Liebesflamme brennte und ich ganz aufginge in Liebe zu Ihm!... Es ist freilich recht traurig und niederschlagend, wenn man sehen muß, daß man seit dem letzten Abendmahlsgange gar nicht vorwärts gekommen ist in der Heiligung; aber was liegt daran, daß wir sehen und fühlen, ob wir vorwärts kommen? Es wäre schlimm, wenn wir uns nach unsern Gefühlen richten müßten, und z. B. keinen Glauben hätten, wenn wir keinen fühlen. Wenn mir der gnädige Gott Freudigkeit schenkt, so will ich ihm dafür danken; entzieht er mir diese aber, so will ich mir an seiner Gnade genügen lassen; denn meine Seele ist ja gleich dem Staub; er wird bald durch den Wind in die Höhe gehoben, bald fällt er nieder zur Erde. – Doch nun bin ich ganz von meinem Thema abgekommen und muß doch noch einiges darüber

Empfohlene Zitierweise:
Therese Stählin: Meine Seele erhebet den Herrn. Verlag der Diakonissenanstalt, Neuendettelsau 1957, Seite 38. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Therese_St%C3%A4hlin_-_Meine_Seele_erhebet_den_Herrn.pdf/40&oldid=2917136 (Version vom 17.10.2016)