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Er übt also an dem Kranken Seelsorge, führt ihn den Weg der Buße und des Glaubens, leitet und fördert ihn auf dem Weg der Heilsordnung und zeigt ihm, wie er die Wirkungen, die jede Krankheit auf die Seele ausübt, durch das Christentum überwinden kann. Nicht minder herrlich sind die Stunden über Kindererziehung. Ich möchte Ihnen gern einmal mein Heft schicken, wo ich mir einiges hierüber aufgeschrieben habe; denn der Weg, der uns hier gezeigt wird, führt das Kind so früh auf eine liebliche Weise zu Gott, daß ich wünschte, alle Mütter möchten bei der Erziehung ihrer Kinder denselben gehen. Wenn zu Hause Löhes Katechismus ist, werden Sie am Ende desselben einen Teil dieses Unterrichts finden. Da ist nämlich vom Gebetsleben des Kindes und der Mutter die Rede. – Doch noch schöner als diese beiden Stunden, die wir immer morgens haben, sind die Abendstunden, wo wir einen Unterricht über die Glaubenslehren der lutherischen Kirche empfangen. Doch davon einmal mündlich recht viel!

 Sie können sich denken, liebste Mutter, wie ich mich freue, diese reichen Samenkörner, die durch einen solchen Lehrer in uns gestreut werden, hinaustragen zu dürfen zu Gottes Ehre und des Nächsten Nutz! Wie will ich mich freuen, wenn ich Ihm dienen darf mit all meinen Kräften, mit allem, was ich bin und habe!

 Ich kann Ihnen nun nimmer viel schreiben, obwohl ich gerne möchte, denn heute ist der Todestag des Fräulein Rheineck, und da will Herr Pfarrer mit uns auf den Kirchhof gehen, um ihr Gedächtnis zu feiern. Das wird schön werden!

 Wir haben gegenwärtig einen sehr interessanten Besuch, den Herr Pfarrer soeben herumgeführt hat, nämlich die Gräfin Stolberg, Vorsteherin der Diakonissenanstalt von Bethanien (bei Berlin), mit einer andern Diakonissin und ihrem Pfarrer Schulze. Ich gab gerade Stunde. Herr Pfarrer stellte die „kleine Person“ als Lehrerin vor und sagte: „Die ärgert sich schändlich, daß sie so klein ist, und wir geben ihr doch alle Tage zu essen, aber sie wächst nicht.“ Herr Pfarrer Schulze reichte mir freundlich die Hand und sagte: „Da trösten Sie sich nur; Gott kann auch kleine Leute brauchen.“

 Darf ich mir vielleicht diesen Herbst ein Regentuch kaufen? Ich kann dafür Mantel und Schal abtreten.

Empfohlene Zitierweise:
Therese Stählin: Meine Seele erhebet den Herrn. Verlag der Diakonissenanstalt, Neuendettelsau 1957, Seite 46. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Therese_St%C3%A4hlin_-_Meine_Seele_erhebet_den_Herrn.pdf/48&oldid=2917122 (Version vom 17.10.2016)