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 ...Die gegenwärtigen Stunden sind wie immer herrlich. Sie beschäftigen sich mit der biblischen Einleitung und dienen recht dazu, unsere Lust an Gottes Wort zu erhöhen. Dazu kommt noch, daß wir alle Tage vor dem Abendgottesdienst einen Psalm zusammen sprechen (wobei angestrebt wird, Musik und Wohlklang in die Rede zu bringen), den uns Herr Pfarrer auslegt. Wenn ich mich da recht hineindenke in die Geschichte und David mit der Kinor(-Harfe) vor mir sehe, dann geh ich ganz über vor innerer Lust. Da uns die Einleitung bloß Unterricht über die äußere Beschaffenheit der Bücher gibt, so lesen wir immer abends die Einzelheiten des Buches. Das gemeinsame Bibellesen hat eine große Süßigkeit für mich. – Die Sonntagnachmittage bringen wir jetzt auch auf eine liebliche Weise zu. Wir setzen uns zusammen und nehmen, wenn wir nicht die Predigt repetieren, den einen oder andern schönen Gegenstand vor. Vorigen Sonntag z. B. gingen wir die Lehre von den Opfern durch nach einem Diktat, das uns Herr Pfarrer einmal darüber gegeben, und nächsten Sonntag wollen wir, wenn wir noch leben, die Sprüche Salomonis ein wenig anschauen und diejenigen heraussuchen, die gerade uns gehören. Ich möchte jetzt gleich alles auf einmal studieren: vor allem gründlich die biblische Geschichte, die ich noch so schlecht weiß und deren Kenntnis doch zum Verständnis der Propheten absolut notwendig ist. In den Wochengottesdiensten werden jetzt die letzten Kapitel des Propheten Hosea gelesen. Sehr lehrreich ist mir auch der Katechumenenunterricht, dem ich seit ein paar Wochen beiwohnen darf, weil ich ihn mit der Katechumenin zu repetieren habe.

 Nicht wahr, ich bin reich? Ich fühle mich aller dieser Wohltaten völlig unwürdig. – Das Griechische ist seit ein paar Wochen ganz ausgesetzt; heute aber sollen wir wieder einmal Stunde haben. Das Lesen geht schon ziemlich geläufig. Wir werden es so weit bringen, daß wir das Neue Testament griechisch lesen und verstehen lernen...

Deine treue Schwester Therese.


Empfohlene Zitierweise:
Therese Stählin: Meine Seele erhebet den Herrn. Verlag der Diakonissenanstalt, Neuendettelsau 1957, Seite 59. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Therese_St%C3%A4hlin_-_Meine_Seele_erhebet_den_Herrn.pdf/61&oldid=2920445 (Version vom 24.10.2016)