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es ist freilich nur eine Stunde, die wir wöchentlich haben, doch meint Herr Pfarrer, daß wir’s lernen könnten und also einen Beweis liefern, daß das weibliche Geschlecht keineswegs so dumm und unfähig ist, wie man gewöhnlich denkt... Die herrliche Aussicht, das Neue Testament einmal griechisch lesen zu können, hält immer den Mut aufrecht...

 Friede sei mit Ihnen und mit Ihrer dankbaren Therese.


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 19. September 1857

 Meine liebste Mutter, Gott zum Gruß! Gottlob, ich kann Ihnen ziemlich gute Nachricht von unserm lieben Herrn Pfarrer geben: er ist nun schon mehrere Tage nacheinander zu uns herausgekommen, freilich immer nur auf kurze Zeit. Auf Stunden von ihm werden wir höchstwahrscheinlich in diesem Semester nicht mehr hoffen können, denn er ist immer noch sehr schwach. Auch mit dem Predigen wird’s so schnell noch nicht gehen. Wenigstens kann er noch nicht alle Predigten übernehmen. Neulich zwar hat er eine kurze Ansprache vor der allgemeinen Beichte gehalten; was das für einen Eindruck machte, kann ich Ihnen nicht sagen. Es war, als wolle er uns nun den Kern von der Fülle der Erfahrungen geben, die er während der Krankheit gemacht hat. Wir wurden hingewiesen auf die Geheimnismeere unserer unerkannten Sünden. Ich muß Ihnen wie von vielem anderen mündlich erzählen und, so Gott will, wird das recht bald geschehen, denn bis zum 9. Oktober sind die Prüfungen an unserer Schule zu Ende; die der Diakonissenschülerinnen ziehen sich bis zum 15. hinaus. Ich weiß noch nicht, ob ich schon am 10. kommen kann, jedenfalls werde ich mit Ihrer gütigen Erlaubnis so bald als möglich kommen, denn ich freue mich diesmal auf die Ferien, ich kann Ihnen nicht sagen wie. Nun hätte ich aber eine Bitte, die ich kaum auszusprechen wage, doch will ich es tun, da Sie mir dieselbe ja ohne weiteres abschlagen können, wenn ihrer Erfüllung irgendein Hindernis im Wege steht: nämlich, ob ich eine aus unserem Hause mitbringen dürfte. Cäcilie Regensrecht heißt sie und ist aus Breslau, daher sie nicht in die Ferien kann. Ich habe ihr natürlich noch nichts

Empfohlene Zitierweise:
Therese Stählin: Meine Seele erhebet den Herrn. Verlag der Diakonissenanstalt, Neuendettelsau 1957, Seite 69. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Therese_St%C3%A4hlin_-_Meine_Seele_erhebet_den_Herrn.pdf/71&oldid=2920464 (Version vom 24.10.2016)