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davon gesagt und bin ganz Ihrer Entscheidung gewärtig. Wenn’s irgendwie genieren könnte, komme ich allein. Übrigens hätten Sie Ihre Freude an dem liebenswürdigen Mädchen...

 Beten Sie recht, daß die Prüfungen gut vorübergehen. Mir ist noch recht bange.

Ihre dankbare Therese.


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 2. November 1857

 Liebste Mutter, Friede und Gnade sei mit Ihnen! Mein Versprechen, Ihnen gleich nach meiner Ankunft zu schreiben, will ich nunmehr erfüllen und kann Ihnen da, was mich anlangt, nur Gutes berichten, nicht so über unseren teueren Herrn Pfarrer, dessen Gesundheit vor acht Tagen einen bedeutenden traurigen Rückfall erlitten, so daß er Anordnungen für seinen Tod traf. Gottlob, jetzt geht es besser, doch darf er noch nicht aufstehen. Ich hatte das Glück, ihn auf einige Augenblicke zu sehen, da ich ihm von Adolf Trauben brachte. Er war sehr freundlich, fragte mich, ob ich mich ganz erholt habe, und sagte, daß ich sehr gut aussehe usw. So müssen wir nun den Kurs ohne ihn beginnen! Ich begrüßte unser liebes Haus und seine Bewohner vorgestern abend mit solch wallendem, freudevollem Herzen, als wäre ich lange getrennt gewesen, aber nun mußte ich diese Nachricht hören, und dazu, daß auch Marianne krank sei, kaum ein Wort zu sprechen vermöge, auch daß Käthe Hommel (Lehrdiakonissin) zu Bett liege usw. Das waren keine erfreulichen Eindrücke, und nun die vielen neuen Gesichter, die man mit dem Gedanken, daß sie künftige Schülerinnen sind, ansehen muß. Es ist jetzt nicht schön im Haus. Doch bin ich fröhlich und will auch getrost sein.

 Zum Schluß noch meinen herzlichen Dank für die mir erwiesene Liebe während der Ferien. Ich werde bald wieder schreiben, da sich jetzt über die Stunden noch gar nichts berichten läßt. Himmelhohe Mädchen, mehrere Köpfe größer als ich, kommen in unsere Schule, zum Teil schon mit sehr guten Kenntnissen versehen, wenigstens dem Anschein nach. Ursache genug, daß es einem bange werden könnte.

 Mit herzlichen Grüßen

Ihre dankbare Therese.


Empfohlene Zitierweise:
Therese Stählin: Meine Seele erhebet den Herrn. Verlag der Diakonissenanstalt, Neuendettelsau 1957, Seite 70. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Therese_St%C3%A4hlin_-_Meine_Seele_erhebet_den_Herrn.pdf/72&oldid=2920463 (Version vom 24.10.2016)