Seite:Therese Stählin - Meine Seele erhebet den Herrn.pdf/90

From Wikisource
Jump to navigation Jump to search
Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
An ihre Schwester Ida.
Neuendettelsau, den 2. November 1858

 Liebe Ida, ...die wichtige Riegenwahl ist bereits vorgenommen. Marie ist Riegenmeisterin geworden, und ich stehe unter der Riege der Johanna Zwanziger. Daß die wieder hier ist, wird für das ganze Haus ein großer Segen sein, und mir ist’s eine ganz besondere Freude, da ich keiner so nahe stehe wie ihr und sie wie eine Mutter gegen mich ist.

 Herr Pfarrer wird in diesem Semester hauptsächlich Exegese zum Gegenstand seines Unterrichts machen. Es ist ihm, sagt er, dabei eine besondere Freude, daß wir unsere griechischen Testamente zur Hand nehmen können. Es soll auch das Griechische in diesem Semester recht eifrig betrieben werden. Herr Konrektor wird uns Stunden geben. Ich zweifle, daß etwas Rechtes draus wird, wenn man nur so in Eile immer ein wenig lernen kann und nicht ordentlich studiert, kann das gewünschte Ziel schwer erreicht werden. Genug für diesmal!

Deine treue Therese.


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 6. November 1858

 Liebste Mutter, ...Daß es Dir gut hier gefallen, ist mir eine besondere Freude und vielleicht eine Berechtigung zu einer Hoffnung auf künftig wiederholten Besuch. Daß wir die Ferien vergnügt zugebracht, ist Dir bereits bekannt. Daß wir aber auch gerne wieder zurückkehrten, versteht sich von selbst. Wir haben gestern bereits angefangen, den vollen Stundenplan im Schwange gehen zu lassen. Es bewegen sich nun wieder die Räder des Wagens, der ein halbes Jahr fortrollen soll, aber sie knarren noch ein wenig, weil die Wagenschmiere fehlt, wie Doris gestern meinte. ...Herr Pfarrer wird nächste Woche erst kommen[1]. Vorigen Dienstag lief ein Brief von ihm ein. Marianne war sehr angegriffen von der Reise. Trotz der Rosen- und Veilchenfelder, die allenthalben unsere Reisenden umgaben, versicherte Herr Pfarrer doch, daß ihm der Himmel über den stillen Fluren von Dettelsau noch gefalle.

 Meine liebe Johanna Zwanziger ist hier noch nicht ganz eingewöhnt. Ihr Beruf in Hohenleuben war ihr zu sehr ins


  1. Herr Pfarrer brachte Marianne zur Kur nach Cannes.
Empfohlene Zitierweise:
Therese Stählin: Meine Seele erhebet den Herrn. Verlag der Diakonissenanstalt, Neuendettelsau 1957, Seite 88. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Therese_St%C3%A4hlin_-_Meine_Seele_erhebet_den_Herrn.pdf/90&oldid=2951061 (Version vom 10.11.2016)