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Herz gewachsen. Mir ist bange um ihre Gesundheit. Sie hat sich sehr abgearbeitet. Es ist doch das Geschlecht des 19. Jahrhunderts ein ganz delikates.

 Ich bleibe in dankbarer Liebe

Deine Therese.


An die Mutter.
Neuendettelsau, den 18. November 1858

 Herzlich geliebte Mutter, der barmherzige Heiland schenke Dir den Geist der Freude und des Friedens! Das ist mein erster und bester Wunsch, ja mein Gebet für Dich zu Deinem Geburtstag, liebste Mutter. ...Ich möchte, daß einmal an einem solchen Tage alle Deine Kinder beisammen wären und Dir mündlich sagen könnten, was sie fühlen. Eine besondere Freude ist mir, daß Du in diesem vergangenen Lebensjahre einen sehnlichen Wunsch von mir befriedigt hast und nach Dettelsau gekommen bist.

 Herr Pfarrer hat uns einen herrlichen Reisebericht gemacht und erst heute einen gewaltigen Umsturz in den Ansichten des Hauses durch denselben bewerkstelligt. Alles soll auf einmal französisch, italienisch und englisch parlieren lernen, denn „er habe es genug gekriegt, beständig mit einem Schafsgesicht und wie der Ochse am Berge stehen zu müssen“. Es gehöre ja freilich nicht zur Bildung, das steht fest nach wie vor, aber Nutzen schafft’s und deswegen soll’s geschehen.

 Wir haben wieder ein reiches Semester vor uns. Gott hat uns allen in der wiederkehrenden Kraft unsers Herrn Pfarrers große Gnade geschenkt. In der nächsten Zeit folgen etliche Unterrichtsstunden über die Barmherzigkeit, „denn eine Diakonissin muß barmherzig sein“. Dann folgt biblische oder Kirchengeschichte. In den Wochengottesdiensten, die auch hauptsächlich uns und den Missionsschülern gehören, werden die Thessalonicherbriefe erklärt. Wir sollen dabei unsere griechischen Testamente haben, lesen auch in unsern griechischen Stunden nicht mehr das Evangelium Johannes, sondern diese Briefe – und Herr Pfarrer will uns, denk Dir nur, von der Kanzel herunter manchmal fragen. Mußten wir doch vorgestern beinahe lachen, als er plötzlich, auf der Kanzel stehend, – denn die hat er wieder betreten seit vorigen Sonntag –

Empfohlene Zitierweise:
Therese Stählin: Meine Seele erhebet den Herrn. Verlag der Diakonissenanstalt, Neuendettelsau 1957, Seite 89. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Therese_St%C3%A4hlin_-_Meine_Seele_erhebet_den_Herrn.pdf/91&oldid=2950995 (Version vom 10.11.2016)