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herunter fragte: „Wie viele Kapitel hat der 1. Brief an Timotheus? Weiß es eine von den Kindern?“

 Heute ist der Vorabend des Todestages der heiligen Elisabeth, deren Bild, wie Du dich erinnern wirst, in unserem Saal hängt und deren Geschichte uns Herr Pfarrer heute erzählte – und zugleich ist der Vorabend Deines Geburtstags. Das freut mich sehr, ein solches Zusammenfallen der Tage.

 Ich kann leider nicht mehr schreiben. Meine Stunden erfordern zum Teil viel Vorbereitung. Ich muß schier eine Gelehrte spielen und kann doch nichts. Einen fröhlichen Abschied vom alten und einen fröhlichen Anfang des neuen Lebens- und auch Kirchenjahres! An Jesu Hand ist immer fröhlich sein.

Deine dankbare Therese.


An ihre Schwester Ida.
Neuendettelsau, Dezember 1858

 Liebste Schwester,... Wir sind nun eine geraume Zeit wieder ungestört unter dem Sonnenschein des Hirtenstabes von Herrn Pfarrer gewandelt. Da mußte aber der liebe Gott wieder etwas schicken, uns vor Sicherheit zu bewahren. Vorigen Sonntag (bei der vierten Predigt über die Lehre vom Ende) wird Herr Pfarrer plötzlich unwohl. Der Text war 2. Petr. 3. Eine gewaltige Mahnung, sich bereit zu halten, bildete den Schluß der Predigt, zu dem er rasch eilte, was das Ganze um so ergreifender machte. „Das ist eine Ohrfeige von ganz besondrer Art, das kannst Du glauben“, sagte gestern Herr Pfarrer zu mir, fügte aber hinzu: „Es tut mir aber alles nichts, gar nichts. Ist eine Demütigung für so einen alten Pfarrer.“

 Ein wunderbares Diktat – ich kanns nicht anders nennen – wird uns gegenwärtig gegeben, ein langes, über Barmherzigkeit. Da möchte ich oft zappeln in den Stunden, tu’s auch. Diese Blicke in die Geschichte, die mir da gegeben werden! Es soll nur ein jeder Christenmensch, der kann, Geschichte studieren vom rechten Gesichtspunkt aus. Das treibt, wenn irgend etwas, zur Anbetung Gottes.

Deine treue Theresia.


Empfohlene Zitierweise:
Therese Stählin: Meine Seele erhebet den Herrn. Verlag der Diakonissenanstalt, Neuendettelsau 1957, Seite 90. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Therese_St%C3%A4hlin_-_Meine_Seele_erhebet_den_Herrn.pdf/92&oldid=2951013 (Version vom 10.11.2016)