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Liste.png Walther Kabel: Tollwutepidemien (Bibliothek der Unterhaltung und des Wissens, Band 6)

Monatelang lastete es noch auf der ganzen Gegend wie ein furchtbarer Alp. Immer wieder zeigten sich bei diesem oder jenem Tiere die Erscheinungen der Tollwut. Das Dorf Jägerup war infolge des Verlustes des ganzen Viehbestandes völlig verarmt, so daß den Bewohnern auf Regierungskosten neues Vieh geliefert werden mußte.

Fünfzehn Jahre später kam eine ähnliche Epidemie in dem preußisch-russischen Grenzdorfe Wirballen vor und raffte außer zahlreichem Vieh, unter dem sich dieses Mal auch verschiedene Pferde befanden, einundzwanzig Menschen im Laufe von drei Monaten dahin. Fast gleichzeitig mußten in dem in der Normandie gelegenen, durch seine Schafzucht berühmten Städtchen Falaise auf Befehl der Behörden nicht weniger als 1532 Schafe, die gesamten Herden dreier Züchter, getötet werden, weil ein großer Teil von der Tollwut befallen war und die Gefahr nahe lag, daß die Krankheit auch auf die übrigen Herden übergreifen würde.

Die Epidemie von Falaise zeigte deutlich, daß jedes von dem Tollwutgift infizierte Tier von einer unwiderstehlichen Sucht zum Beißen ergriffen wird. So übertrugen die erkrankten Schafe den wie bei allen tollwütigen Tieren im Speichel befindlichen Ansteckungsstoff auf ihre Artgenossen, indem sie unter Verleugnung ihrer sonstigen friedfertigen Natur diesen mit den Schneidezähnen tiefe Bisse beibrachten.

In neuerer Zeit sind derartige Anhäufungen von Tollwuterkrankungen immer seltener geworden. Es kam wohl noch hie und da zu einem stärkeren Auftreten der gefürchteten Krankheit, doch nahm diese nie mehr epidemieartigen Charakter an. Nur in dem böhmischen Dorfe Jahornitz sollte in dem Kriegsjahr 1866 eine wie immer so auch hier durch tolle Hunde hervorgerufene Tollwutseuche unter dem Weidevieh, hauptsächlich den Rindern, schwere Opfer fordern. Menschenleben hatte man dabei jedoch nicht zu beklagen, da die amtlicherseits sofort getroffenen Gegenmaßregeln die Bevölkerung genügend zur Vorsicht mahnten und bewirkten, daß jedes auch nur verdächtige Stück Vieh aus sicherer Entfernung erschossen wurde.

Erwähnt seien hier jedoch noch zwei weitere in Europa vorgekommene

Empfohlene Zitierweise:
Walther Kabel: Tollwutepidemien (Bibliothek der Unterhaltung und des Wissens, Band 6). Union Deutsche Verlagsgesellschaft, Stuttgart, Berlin, Leipzig 1914, Seite 231. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Tollwutepidemien.pdf/3&oldid=- (Version vom 1.8.2018)