| Unbekannt: Ueber die Dresdner Kunstausstellung (1806) | |
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Ein Glück, daß die Diana nicht mehr die Macht übt, die sie einst an Aktäon, dem freventlichen Verletzer ihrer jungfräulichen Keuschheit übte!
Mit dieser mangelhaften Erfindung hätte uns der Künstler einigermaßen durch eine vollendete mechanische Behandlung des Bildes aussöhnen können, aber auch hier verläßt er uns. Die Umrisse snd nicht bestimmt genug, das Fleisch zu leblos und unkräftig, die Formen nicht edel und der Ausdruck des Ganzen zurückstoßend; das Spiel der Farben ist nicht harmonisch, und das schwarze Haar der Göttin macht in dem Bilde einen widrigen Fleck. – Es schmerzt uns über dieses Produkt des Hrn. Pochmann, in dem wir jedoch eine fertige Gewandtheit des Pinsels anerkennen, kein andres Urtheil sprechen zu können, da wir sonst für seine anerkannten Verdienste die aufrichtigste Hochachtung haben. Und um ihn selbst davon zu überzeugen, daß wir nicht unüberlegt und partheiisch abgesprochen haben, deuteten wir unsre Meinung über sein Bild etwas ausführlicher an.
Das Süjet ist aus dem 28sten Kapitel des ersten Buchs Samuelis genommen, und dort mit anziehender Einfachheit und ergreifender Kraft erzählt. Der Moment ist: wie auf die Beschwörungen der Hexe von Endor Samuels Geist erschienen, und Saul erschreckt auf sein Angesicht gefallen ist. Wir hätten gewünscht, daß sich der Künstler mehr an die schriftliche Darstellung gehalten hätte. So würde es nach unserm Bedünken besser gewesen seyn, wenn der von oben herabfallende Lichtstrahl anders motivirt und es bestimmter angedeutet worden wäre, daß der Geist von unten heraufgekommen sey, so wie wir glauben, daß es die Wirkung des Bildes verstärkt haben würde, wenn Samuel nach der Schrift ein glänzendes, seidnes Gewand bekommen hätte. Daß Saul seitwärts, gleichsam aus dem Bilde herausfällt, und nicht vorwärts auf sein Angesicht (wie es seyn müßte, wenn wir annehmen, daß sein Blick auf den Geist gerichtet war) läßt sich nicht anders erklären, als daß Saul über die Erscheinung erschrocken, im Fliehen niedersank. Aber was hat der Bedeutsamkeit des Bildes so viel Abbruch gethan, daß es unser Gemüth so wenig anregt und ergreift? – Wir meinen, daß der Künstler, außer andern Ursachen, vorzüglich dadurch die Wirkung seines Bildes aufhob, daß er unserm Auge die Hauptgestalt desselben, den Saul entzog, und statt dessen den Geist den Haupttheil des Gemäldes einnehmen ließ. Lobenswerth finden wir in dem Bilde die Drapperie, welche der Künstler nach einer guten Schule studirt hat.
Wir haben noch mehrere Beschreibungen antiker Kunstwerke und auch neuere Gemälde, wo eine Hauptempfindung, die sich darin ausspricht, unter mehrere Personen vertheilt ist. Ohne Zweifel gedachte auch hier Hr. Prof. Schubert die Empfindung des Schmerzes über den Tod des sterbenden Adams in verschiednen Abstufungen nach Alter und Geschlecht darzustellen, aber wir müssen bekennen, daß die Ausführung diesem lobenswerthen Ziele nicht beigekommen ist. Das Ganze ist nicht organisch gedacht, und daher fehlt es der Gruppirung an Einheit, Leben und wahrem Zusammenhang. Die nebeneinander gelegten Figuren, die herabhängenden Füße beleidigen das Auge, und Zeichnung und Colorit entsprechen der Erwartung nicht, wozu die verzögerte Anschauung des Bildes die Kunstfreunde zu berechtigen schien.
Sehnsucht.
Der Jüngling jagt durch die Felsenkluft,
Ihm brennen die Lippen, die Wangen,
Und rastlos sucht er, und schaut, und ruft,
Kein Wesen enthüllt sein Verlangen.
Die Echo giebt ihm sein Wort zurück,
Doch flieht er ihr leeres Gewimmer;
Die Ferne tritt nicht vor seinen Blick,
Und hört den Bittenden nimmer!
Er nimmt die Laute mit leiser Hand,
Sein Busen wird weiter und freier,
Und Himmelstöne, ihm unbekannt,
Entlockt er der zitternden Leier.
Und nicht mehr schweifet der Blick so wild,
Die Qualen des Tiefsten entweichen:
Er schaut der Fernen verklärtes Bild –
Nur kann er sie hier nicht erreichen.
O. H. Gr. v. Loeben.
Unbekannt: Ueber die Dresdner Kunstausstellung (1806). Arnoldische Buchhandlung, Dresden und Leipzig 1806, Seite 117. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Ueber_die_Dresdner_Kunstausstellung_(1806).djvu/14&oldid=- (Version vom 23.3.2025)