Seite:Ueber die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden.pdf/6

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der Bayonnete verlassen werden.“ – Worauf er sich, selbstzufrieden, auf einen Stuhl niedersetzte.

Wenn man an den Ceremonienmeister denkt, so kann man sich ihn bei diesem Auftritt nicht anders, als in einem völligen Geistesbankerott vorstellen; nach einem ähnlichen Gesetz, nach welchem in einem Körper, der von einem elektrischen Zustand Null ist, wenn er in eines elektrisirten Körpers Atmosphäre kommt, plötzlich die entgegengesetzte Elektricität erweckt wird. Und wie in dem elektrisirten dadurch, nach einer Wechselwirkung, der ihm innewohnende Elektricitäts-Grad wieder verstärkt wird, so ging unseres Redners Muth bei der Vernichtung seines Gegners zur verwegensten Begeisterung über.

Vielleicht, daß es – auf diese Art – zuletzt das Zucken einer Oberlippe war, oder ein zweideutiges Spiel an der Manschette, was in Frankreich den Umsturz der Ordnung der Dinge bewirkte.

Man liest, daß Mirabeau, sobald der Ceremonienmeister sich entfernt hatte, aufstand und vorschlug: 1) sich sogleich als Nationalversammlung, und 2) als unverletzlich zu constituiren. Denn dadurch, daß er sich, einer Kleistischen Flasche[1] gleich, entladen hatte, war er nun wieder neutral geworden und gab, von der Verwegenheit zurückgekehrt, plötzlich der Furcht vor dem Chatelet[2] und der Vorsicht Raum.

Dies ist eine merkwürdige Uebereinstimmung zwischen den Erscheinungen der physischen und moralischen Welt, welche sich, wenn man sie verfolgen wollte, auch noch in den Nebenumständen bewähren würde. Doch ich verlasse mein Gleichnis, und kehre zur Sache zurück. Auch Lafontaine[3] gibt, in seiner Fabel: Les animaux malades de la peste[4], wo der Fuchs dem Löwen eine Apologie zu halten gezwungen ist, ohne zu wissen, wo er den Stoff dazu hernehmen soll, ein merkwürdiges Beispiel von einer allmählichen Verfertigung des Gedankens aus einem in der Noth hingesetzten Anfang.

Man kennt diese Fabel. Die Pest herrscht im Thierreich, der Löwe versammelt die Großen desselben und eröffnet ihnen, daß dem Himmel, wenn er besänftigt werden solle, ein Opfer fallen müsse. Viele Sünder seien im Volke, der Tod des Größesten müsse die übrigen vom Untergang retten. Sie möchten ihm daher ihre Vergehungen aufrichtig bekennen. Er für sein Theil gestehe, daß er im Drange des Hungers manchem Schafe den Garaus gemacht; auch dem Hunde, wenn er ihm zu nahe gekommen; ja es sei ihm in leckerhaften Augenblicken zugestoßen, daß er den Schäfer gefressen. Wenn Niemand sich größerer Schwachheiten schuldig gemacht habe, so sei er bereit zu sterben.

„Sire“, sagt der Fuchs, der das Ungewitter von sich ableiten will, „Sie sind zu großmüthig. Ihr edler Eifer führt Sie zu weit. Was ist es, ein Schaf erwürgen? oder einen Hund, diese nichtswürdige Bestie? Und quant au berger“, fährt er fort, denn dies ist der Hauptpunkt: on

  1. Die von Ewald Georg von Kleist 1745 konstruierte Leidener Flasche
  2. Sitz des königlichen Gerichtshofes in Paris
  3. Jean de La Fontaine (1621-195), französischer Schriftsteller, Autor der berühmt gewordenen Fabeln.
  4. Die Pest unter den Tieren