Seite:Veckenstedt - Wendische Sagen, Märchen und abergläubische Gebräuche.pdf/194

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fanden das Mädchen todt auf der Erde liegen. Da wandten sie alle erdenkliche Mühe an, sie in das Leben zurück zu rufen, aber das Mädchen regte sich nicht, es war todt. Darauf wollten sie das Mädchen begraben. Sie hatten im Hause verschiedene thönerne Gefässe, in welchen sie das Mädchen bestatten wollten, aber diese waren alle zu klein; deshalb zimmerten sie einen Sarg. Während dieser Arbeit zogen sechs von den Ludkis das Mädchen an; einer wollte ihm die goldigen Haare auskämmen, da stiess er mit dem Kamme an die grosse Nadel, dass sie heraussprang. Sogleich schlug das Mädchen die Augen auf. Jetzt war die Freude gross. Der Oberste der Ludki sprach: „Ihr dürft Niemand, mag kommen, wer da will, zu Euch einlassen, wenn wir im Bergwerk sind.“ Das versprachen auch die Kinder.

Nach ein paar Tagen aber, als die Ludki wieder in ihr Bergwerk gegangen waren, kam eine alte Frau und klopfte an das Fenster; sie bat die Kinder, dass sie aufmachen möchten, sie hätte Aepfel zu verkaufen. Aber das Mädchen sprach: „Nein, wir machen nicht auf, wir brauchen nichts.“ Die Frau ging jedoch nicht fort, sondern sprach: „Wenn Du nichts kaufen willst, so will ich Dir einen schönen Apfel schenken, mache nur das Fenster auf.“ Da machte das Mädchen das Fenster auf, die Frau nahm einen schönen Apfel und sprach: „Beiss ab.“ Das Mädchen biss ab; sogleich fiel es todt nieder. Darauf weinte ihr Bruder sehr und sprach: „Ach, wenn doch die Ludki erst wieder zu Hause wären.“ Es dauerte auch nicht lange, so kamen dieselben nach Hause und fanden das Mädchen wiederum todt. Darauf fragten sie den Knaben, wer dagewesen wäre und was geschehen sei. Als sie Alles erfahren hatten, brach der Oberste dem Mädchen den Mund auf; siehe, das Stück vom Apfel war noch darin. Das nahm er heraus; sogleich wurde das Mädchen wieder lebendig.

Die Ludki hielten nun einen Rath und bestimmten, es sollten immer sechs von ihnen zu Hause bleiben, wenn die Uebrigen nach dem Bergwerk gingen, dann könnte ja dem Mädchen nichts Böses mehr zustossen. Das geschah. So lebten sie lange Zeit glücklich mit einander. Eines Tages