Seite:Versluys Abstammung und Differenzierung Gigantostraken.djvu/5

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sind. Dies wäre jedenfalls ein ursprünglicher Zustand im Vergleich zu den Skorpioniden, wo die Gliedmaßen des Abdomens ganz rudimentär geworden sind und den erwachsenen Tieren (mit Ausnahme der Kämme) fehlen. Bei den Skorpioniden hätten beim Übergang zum Landleben die Atmungsorgane gegen Verletzungen und gegen Eintrocknen an der Luft dadurch Schutz gefunden, daß sie in Höhlen der Ventralseite des Körpers aufgenommen wurden, so daß sie sekundär auf die Innenseite des Sternits verlegt wurden (Kinsley, 1885, 1893, dessen Theorie Lankester, 1904, übernommen hat). Diese innere Lage konnte nur durch die Rückbildung der abdominalen Gliedmaßen erreicht werden, deren Reste in den Sterniten aufgenommen worden wären.

Wir können dieser Deutung nicht zustimmen, da es ein Irrtum ist, in den Blattfüßen echte Gliedmaßen zu sehen. Vergleichen wir Gigantostraken und Skorpioniden, so wird ohne weiteres klar, daß die Blattfüße der ersteren mit den Sterniten der entsprechenden Segmente der Skorpioniden identisch sind. Dies ist so einleuchtend, daß die Blattfüße sehr häufig als Sternite bezeichnet werden[1].

Nun sind aber die Sternite Skelettplatten der Haut und als solche primär unbeweglich. Sie müssen bei den Gigantostraken also erst beweglich geworden sein, und dies muß als sekundärer Zustand im Vergleich mit den unbeweglichen Sterniten der Skorpioniden aufgefaßt werden. Daraus geht aber hervor, daß die Atmungsorgane der Stammformen der Gigantostraken ursprünglich von den unbeweglichen Sterniten bedeckt im Inneren des Körpers lagen, wobei sie nur von geringerer Größe und nur durch ein Stigma zugänglich gewesen sein können. Solche Atmungsorgane können aber nur an der Luft, niemals unter Wasser Genügendes geleistet haben und die Stammformen der Merostomen müssen dementsprechend Landtiere gewesen sein, ihre Atmungsorgane Buchtracheen. Mit dem Übergang zum Wasserleben wurden die Atmungsorgane an die vom neuen, sauerstoffärmeren und weniger beweglichen Medium gestellten Bedingungen angepaßt durch erhebliche Vergrößerung der Oberfläche der Lamellen der Lungenhöhle selbst und der am Hinterrande der Sternite liegenden Stigmata. Dadurch wurden die Sternite immer mehr aus dem


  1. Nach Laurie (1893) wären allerdings bei den Gigantostraken neben den Sterniten auch noch Blattfüße vorhanden gewesen. Er gibt dies in einer Figur von Slimonia an (Laurie, 1893, tab. 2, fig. 9), aber diese beruht nicht auf einwandfreiem Material und alle anderen Beobachtungen an Gigantostraken lassen keinen Zweifel, daß neben den Sterniten keine Blattfüße auftreten. Nach unserer Deutung fehlen also am Abdomen der Merostomen echte Gliedmaßen; nur ist vielleicht der Genitalanhang des 2. Blattfußes der Gigantostraken ein den Pectines der Skorpione vergleichbares Gliedmaßenpaar (vgl. Versluys und Demoll, 1922, p. 101).
Empfohlene Zitierweise:
Jan Versluys: Die Abstammung und Differenzierung der Gigantostraken. Gebrüder Borntraeger, Berlin 1923, Seite 296. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Versluys_Abstammung_und_Differenzierung_Gigantostraken.djvu/5&oldid=- (Version vom 1.8.2018)