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entgegenschallten. In der Kindheit spricht die Freude von jeder Blume, aus jedem Tone uns an; der Jüngling begegnet ihr zufällig, der Mann muß sie schon suchen, und findet sie oft nur sinnend im Heiligthume der Erinnerung. Der Frühling des menschlichen Lebens hat auch das mit dem der Natur gemein, daß nur ein wenig Sonnenschein mehrere Keime weckt, als es der ganzen heißen Glut des Sommers möglich ist.

Der Inhalt der Lieder, deren Versmaß freye ungereimte Jamben sind, ist eben, so einfach als ihre Melodie. Gewöhnlich sind die Bilder nur von den Gegenständen hergenommen, die den Bauer täglich umgeben. So hörte ich ein junges Hütermädchen, das auf der Flur, wo sie ihre Heerde hütete, Wolle von der Spindel spann, folgendes singen:

Fließt ihr Fädchen von der Spindel,
Fließt wie Wasser in dem Bach;
So viel Tropfen, so viel Fädchen,
Dann vermehrt der Reichthum sich,
Und wenn der Geliebte kehret,
Findet er sein Mädchen so
Schön geschmückt von eignen Händen,
Was die Spindel fleißig spann.

Empfohlene Zitierweise:
Ulrich von Schlippenbach: Malerische Wanderungen durch Kurland. C. J. G. Hartmann, Riga und Leipzig 1809, Seite 157. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:VonSchlippenbachMalerischeWanderungenDurchKurland.pdf/168&oldid=- (Version vom 17.3.2019)