Seite:VonSchlippenbachMalerischeWanderungenDurchKurland.pdf/24

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal korrekturgelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.

Geburtstag, an dem meine Mutter starb. Von hier führt ein gerader Gang zu einem in den Berg eingegrabenen Sitze, von Nußgesträuchen rund umschattet und dann weiter (schon hat man die Höhe erreicht) zu angenehmen kleinen Wiesen, allenthalben von verschiedenem Gebüsch umgeben. Ein kleines Tannenwäldchen habe ich hier wachsen sehen, jedes Bäumchen ist mein Zeitgenosse, – mit welcher Trauer habe ich hier einige umgehauen gefunden! Ein Baum, den man erwachsen sah. ist ein rührendeS Zeitmaß unscers Lebens, jedes Jahr sezt sich eine Lage mehr an seinem Stamm an, und eine Linie ist für unsern Sarg gewonnen; jedes Jahr fällt seine Blüthe, sein Laub und seine Frucht, und mit jedem Jahre kommen wir der Herbstzeit näher, wo vielleicht derselbe Baum, der unser Zeitgenosse war, auf unser Grab den Keim streut, der einst zum Baume erwachsen in unser verwestes Herz die Wurzel senken soll. Durch Wiesen und Gebüsch, wo die Aussicht auf den Hof, auf das benachbarte Gut Niekratzen und selbst nach Osten über einen hohen Wald nach

Empfohlene Zitierweise:
Ulrich von Schlippenbach: Malerische Wanderungen durch Kurland. C. J. G. Hartmann, Riga und Leipzig 1809, Seite 13. Digitale Volltext-Ausgabe bei Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:VonSchlippenbachMalerischeWanderungenDurchKurland.pdf/24&oldid=- (Version vom 24.2.2019)